Swissalpine T88 2019 / Die Sache mit dem Knie

Facts Swissalpine T88

Strecke: 84.9 km
Höhenmeter: +3’640m / – 3’877m
Zeit: 15:30:26

Höhenprofil Swissalpine T88

Vorgeschichte

Als Unternehmer finde ich die Entwicklung des Swissalpine in den letzten Jahren sehr spannend. In einer super Nische positioniert erreicht der K78 im Jahr 2010 seine maximale Finisher-Zahl von 1488. Dann ging der Trail-Running-Boom los und die Zahl der Konkurrenz-Läufe wuchs mit jedem Jahr. Die Nische erodierte und es wurde mit den Irontrail-Läufen versucht, auf die Ultra-Trail-Schiene aufzuspringen. – Leider ging die Premiere 2012 infolge schlechtem Wetter, damit überforderten Läufern und enprechendem totalen Rennabbruch total in die Hose. Statt einen neuen epischen 200-Kilometer-Lauf (Irontrail T201) erfolgreich lanciert zu haben, standen die Organisatoren vor einem mittleren Scherbenhaufen.

In den folgenden Jahren wurde versucht, die Irontrail-Läufe zum Erfolg zu bringen. Dann wurden Swissalpine und Irontrail zusammengefasst. Die Strecken wurden verändert, die Vielfalt an Läufen wurde manchem wohl zu viel. Die Teilnehmerzahlen bei den Irontrail-Rennen stiegen nicht wirklich. Die Teilnehmerzahlen beim K78 sanken weiterhin. – Schlussendlich wurde das undenkbare wahr und der K78 fand 2017 zum letzten Mal statt und wurde auf 2018 durch den T88 ersetzt. Ein superschöner Lauf, allerdings logistisch eher anspruchsvoll, da Start und Ziel durch eine mindestens 1.5-stündige Zugfahrt getrennt sind. Schwieriger und teurer zu organisieren als der K78, zudem mit geringerer maximaler Teilnehmerzahl. Unternehmerisch kann das aus meiner Sicht nicht aufgehen. – Da zusätzlich noch die Hirsche auf den Höhen des Val Tours durch die Läufer gestört wurden, ging es auch bewilligungstechnisch nicht mehr auf und der T88 findet 2019 zum letzten Mal statt. – Ab 2020 soll Swissalpine und Irontrail wieder getrennt geführt werden. Swissalpine mit einer 70-Kilometer-Runde in Davos, Irontrail mit einer 100-Meilen-Distanz im Engadin, als jeweilige Königsdisziplin.

Emotional bin ich dem Eiger Ultra Trail viel stärker verbunden als Irontrail/Swissalpine. Im Prinzip habe ich aber hier genau so spezielle Läufe erlebt wie in Grindelwald. 2013 meine (Ultra)-Trail-Premiere beim T41 (welcher 46 Kilometer lang war). 2015 dann das unvorstellbare: Ich kann den T201 finishen und verschiebe meine Granzen damit gewaltig. 2016 laufe ich zum ersten Mal den K78, 2017 finishe ich den bis dato letzten K78. 2018 will ich mal locker den T88 laufen und setze das Ding dumm in den Sand, weil ich den Lauf unterschätzt habe und dann ohne grosse Not, aber aus Frust abbreche.

Nun ja, mit dem T88 habe ich also noch eine Rechnung offen und da er dieses Jahr zum letzten Mal stattfinden soll, muss ich diese sofort begleichen. – Eine Woche vorher bin ich in Grindelwald den Eiger Ultra E51 gelaufen. „Unterschätz nie einen Ultra“ hatte ich schon 2015 mal geschrieben. Anscheinend hat sich das aber in meinem Gedächtnis nicht richtig verankert. Beim E51 wollte ich eine neue persönliche Bestzeit laufen. Als ich dann bei der ersten Zwischenzeit 20 Minuten hinter Zeitplan lag, war ich wieder frustriert und wurde dadurch natürlich auch nicht schneller. Bereits während dem E51 wurde mir klar: In St. Moritz muss ich mit einem anderen Mindset am Start stehen, sonst wird es auch dieses Jahr nichts mit einem Finish.

Also heisst das Motto für den T88 2019: „Durchkommen ist alles, die Zeit spielt keine Rolle, Herausforderungen (Bsp. Gewitter) spornen mich an!“

Vor dem Rennen

Logistisch sind Läufe von A nach B immer etwas umständlicher als Rundkurse. Ich fahre am Freitag Nachmittag mit dem Zug direkt nach St. Moritz. Am Sonntag werde ich dann von Davos, mit Silvia und den Jungs, mit dem Auto nach Hause fahren können.

Am Donnerstag Abend packe ich meine Sachen zusammen. Ich will nur das notwendigste mitnehmen. Dies ist aber deutlich mehr, als die Pflichtausrüstung (Regenjacke), da Gewitter angesagt sind und ich nicht im Hochgebirge erfrieren will. Ich will das Ding finishen und deshalb muss ich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Die Zugfahrt am Freitag läuft gut. Ich starte nach dem Mittag und gönne mir in Zürich noch einen Chiliwurst-Hotdog. Um 17:00 treffe ich in St. Moritz ein und beziehe mein Zimmer in der Jugendherberge. Dann gehe ich mit meinen Eltern, welche hier in den Ferien sind, zum Nachtessen. Ob der abschliessende Whisky positiven oder negativen Einfluss auf den Lauf hat, wird sich weisen.

Nach 20:00 Uhr hole ich meine Startnummer ab und marschiere zurück zur Jugendherberge. In unserem 4er-Zimmer sind zum Glück alles Läufer und so werden wir morgens um 5:00 Uhr niemanden Unbeteiligten wecken. Wir tauschen noch kurz unser Läuferleben aus und es stellt sich heraus, dass Rolf ein guter Kollege von Brigitte Daxelhoffer ist und mit ihr am Marathon des Sables war. Die Welt ist klein. Vor 22:00 Uhr ist dann bereits Nachtruhe.

Ich schlafe wie meist vor einem Lauf recht unruhig. Um 4:30 Uhr geht der Wecker und alle machen sich bereit. Ich verlasse dann als erster das Zimmer, gönne mir in der Cafeteria noch einen Kaffee und marschiere dann zum Startgelände am Bahnhof.

Die Morgenstimmung ist super und das Gewitter von gestern Abend hat Abkühlung gebracht. Ich gebe meine Tasche für den Transport nach Davos ab und stelle mich dann noch ein wenig ins Bahnhofgebäude, wo es etwas wärmer ist.

Morgenstimmung in St. Moritz, kurz vor 6:00 Uhr

Viertel vor sechs gehe ich dann zum Startbereich und suche Dorothea und Rolf aus Schöftland, welche den T88 gemeinsam finishen wollen. Dann kann ich auch noch kurz mit Luzia Bühler reden, welche letzten Samstag 3. beim Eiger E51 wurde. Sie hat sich spontan entschlossen, heute mitzulaufen „Da ich dachte ich könnte mal wieder sehen, wie es ist bei Regen zu laufen!“. Gute Begründung, muss ich mir merken. Luzia will dann anscheinend aber nicht zu lange im Regen sein und gewinnt deshalb das Rennen!

Dann bleibt nur noch die GPS-Uhr zu starten und auf den Startschuss zu warten.

St. Moritz – Samedan

Ich stelle mich bewusst weit hinten ins Feld. Bis Pontresina ist die Strecke recht schnell und ich will es langsam angehen um Kraft für später zu sparen. Die Zeit spielt heute keine Rolle, es zählt nur das ankommen. – Die Strecke führt runter an den See, dann entlang dem Ufer und nach 15 Minuten laufen wir wieder an der Jugendherberge vorbei. Dann verlassen wir St. Moritz und es geht durch den schönen Stazerwald rüber nach Pontresina.

Ich laufe in den kurzen Hosen und im langen Shirt. Die Ärmel kann ich jetzt nach hinten krempeln, da es beim joggen genügend warm ist. Heute sind Regen und Gewitter angesagt und deshalb habe ich neben der obligatorischen Regenjacke auch eine Regenhose, sowie wasserdicht verpackt lange Hose, Thermoshirt, Mütze und Handschuhe dabei. – Das Wetter wird mich heute nicht stoppen!

Sobald es aufwärts geht, marschiere ich. Flach und abwärts wird gelaufen. Aber sehr gemütlich um nicht frühzeitig unnötige Energie zu verlieren. Bis Kilometer 4 fühlt sich alles wunderbar an. – Dann habe ich auf einmal ein Ziehen auf der Aussenseite meines linken Knies. Ich denke: „Spannend. Wann wird das wohl wieder weggehen?“ – Bis Pontresina bleibt das Ziehen und wird zum leichten Schmerz. Ich hatte das vor Jahren schon mal und da kam es von Disbalancen im Beckenbereich. Ich vermute, dass es auch jetzt irgend eine Asymmetrie im Körper oder in der Muskulatur ist. Auf jeden Fall nichts lebensgfährliches und auch das wird mich heute nicht vom Finish abhalten.

Frühmorgens durch den Stazerwald

Heute stehen fünf grosse Steigungen auf dem Programm und in Pontresina nehmen wir die erste auf den Muottas Muragl in Angriff. Anfangs geht es entlang des Hangs stetig leicht ansteigend bis ins Val Muragl. Dort dann 350 Höhenmeter steiler Aufstieg bis zur Alp Margun und dann wieder flacher bis zu Muottas Muragl.

Oberhalb Pontresina. Im Hintergrund das Rosegtal.

Wie meist zu Beginn eines Rennens, ist das Feld noch eng beeinander und das Tempo wird durch die Kolonne vorgegeben. Im Aufstieg macht mir das Knie keine Probleme und ich vergesse es ein wenig. Nur bei den Laufpassagen kommt der leichte Schmerz. Die Streckenmarkierung ist nicht so perfekt wie beim Eiger Ultra und prompt biegt die Gruppe vor uns falsch ab, als es ins Val Muragl geht. Zum Glück merkt es ein Läufer und das Dutzend Leute kann zurückgepfiffen werden.

Im Pulk hoch zum Muottas Muragl

Ich mache meine Stöcke einsatzbereit und die Höhenmeter gehen flüssig weg. Der Höhenweg zum Muottas Muragl ist wahrscheinlich der Wanderweg, welchen ich in meinem Leben schon am meisten begangen habe. Das war in der Kindheit in jeden Herbstferien Pflichtprogramm. Damals ist er mir jeweils länger vorgekommen.

Kurz vor dem Muottas Muragl kommen wir dann in die Sonne und ich setze meine neue Julbo-Wunder-Sonnenbrille auf. Es ist kurz nach 8:00 Uhr, als ich den höchsten Punkt erreiche. Ich nehme eine Salztablette und fülle eine Wasserflasche auf. Dann noch einen Becher Iso-Tee und weiter geht es in den Downhill Richtung Samedan.

Kurz vor dem Muottas Muragl

Leider sind meine Knieprobleme nicht wie erhofft weg. Abwärts machen sie sich nun zum ersten Mal richtig negativ bemerkbar. Sobald ich das Knie biege, tritt ein Schmerz auf. Mühsame Sache, denn wir sind jetzt bei Kilometer 15 von 85.

Mein Mindset stimmt heute auf jeden Fall. Stress macht mir nicht meine langsame Geschwindigkeit, sondern nur dass ich für die anderen Läufer zum Hindernis werde. Ein paar mal muss ich Platz machen, als von hinten schnellere Leute kommen. – Der Downhill ist sonst super schön. 700 Höhenmeter Singletrail bis praktisch zum Talboden.

Ich versuche viel zu trinken und werfe auch ab und zu ein Powergum ein. Dazu so jede Stunde eine Salztablette. Der Tag wird lang und es gilt nachhaltig vorwärts zu kommen.

Downhill Richtung Samedan

Unten in der Ebene wird es dann schwieriger für mich. Hier sollte man etwas Tempo machen können. Beim joggen ist aber der Schmerz da und ich will deshalb nicht zu stark forcieren. Also powerwalke ich der Piste des Flughafens Samedan entlang zur Sporthalle, wo die Verpflegung eingerichtet ist.

Ich trinke einen Becher Cola, fülle eine Wasserflasche und laufe direkt weiter.

Samedan – Bergün

Ab jetzt geht massives „leapfrogging“ ab. So sagen die Amerikaner, wenn man immer wieder von Läufern überholt wird, diese dann selber wieder überholt und sich das dauernd wiederholt. Flach und abwärts verliere ich Zeit und werde entsprechend überholt. Bei den Verpflegungen und aufwärts bin ich schnell und kann wieder zurück überholen. Gewisse Leute treffe ich so x-mal.

Betreffend Endzeit wäre ich mit 14 Stunden Laufzeit perfekt zufrieden gewesen. Das sind durchschnittlich ziemlich genau 6 Kilometer/Stunde. Nach 2 Stunden war ich bei 14.5 Kilometern, hatte also rund 2.5 Kilometer Vorsprung auf die 14h-Finisher-Zeit. Nun bin ich 3 Stunden unterwegs und habe fast 21 Kilometer auf der Uhr. Die Reserve ist sogar ein wenig angewachsen. – Allerdings ist mir bewusst, dass es erstens der einfachste Streckenteil war und ich zweitens mit meinem Knie wahrscheinlich langsamer werde.

In Samedan sehe ich zum ersten Mal Hächlers aus Schöftland, welche ihre laufende Tochter unterstützen. Ich freue mich über die bekannten Gesichter und zwinge mich zum joggen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sobald ich um die Ecke bin, marschiere ich aber wieder. Zwei junge Mädels überholen mich und ich beneide sie um den lockeren Laufschritt.

Rhätische Bahn zwischen Samedan und Bever

Jammern bringt nicht. Es muss einfach weitergehen. Aufgeben ist heute keine Option. – Bis Bever ist es flach oder geht leicht runter. Tempo-Gelände! – Leider nicht für mich heute.

Es geht rein ins wunderschöne Val Bever. Ein Viertel der Strecke ist erledigt. Weiterhin ist Powerhiking angesagt. Bis zur Passhöhe der Fuorcla Crap Alv wird mich das Knie nicht stark behindern. Der Downhill wird dann wieder spannend werden.

Eingang zum Val Bever

Ich lasse mir als „Wanderer“ von den „Läufern“ heute nicht die Laune verderben. Sobald diese auch wandern müssen, bin ich meist schneller auf den Füssen. Ich konzentriere mich darauf, viel zu trinken und regelmässig etwas zu essen und auch die Salztabletten einzunehmen. Zudem beobachte ich das Wetter, welches sich wie angekündigt nun verschlechtert. Es ziehen immer mehr Wolken auf und ich erwarte etwas das Szenario vom letzten Jahr, als ich auf der Fuorcla Crap Alv in den Regen kam.

In Spinas passieren wir wieder die Baustelle des neuen Albula-Bahntunnels. Mittlerweile sind die Innenausbauarbeiten dran und 2022 sollen die Züge durchfahren.

Die Wolken ziehen im Val Bever langsam zu

Wie früher stets, hatte ich mir für heute wieder mal ein Höhenprofil der Strecke laminiert. Ich habe nun auch Zeit, dieses zwischendurch zu konsultieren. Mental bereite ich mich für den steilen und technischen Aufstieg vor, welcher vor uns liegt. Es geht zwar auf 2’465 Meter hoch, aber da wir schon auf über 2’000 Metern starten, sind es nur 450 Höhenmeter, was in 45 Minuten erledigt sein sollte.

Der einzige Aufstieg, welcher mir heute „Sorgen“ macht, wird derjenige von Bergün auf die Alp Darlux sein. Für diesen will ich mir Kräfte sparen und deshalb hier nicht zu stark forcieren. – An der Verpflegung vor dem Aufstieg noch kurz Wasser auffüllen und dann los.

Ich marschiere mein Tempo, bis ich auf eine langsamere Gruppe auflaufe und hänge mich dann dort an und lasse mich kräftesparend mitziehen. Zu meiner Beruhigung marschiere ich nun genau hinter den beiden leichtfüssigen Mädels von Samedan. So viel weiter sind sie also auch nicht gekommen.

Richtig am Anschlag scheinen sie aber nicht zu sein, denn die beiden quasseln den ganzen Aufstieg über Themen wie englische Grammatik (speziell Zeitformen) oder was halt sonst grad zum Tag passt. Andere haben hier bedeutend weniger Puste und ab und zu bleibt jemand stehen oder setzt sich sogar für eine Pause hin.

Ich bin froh über mein Langarmshirt, denn die Sonne ist jetzt weg und es geht ein zeitweise kühler Wind. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu regnen beginnt. – Kurz vor der Passhöhe dann wieder mal Buchhaltung: 11:00 Uhr / 5 Stunden unterwegs / 31.8 Kilometer / mehr als ein Drittel der Strecke absolviert / nur noch 1.8 Kilometer Vorsprung auf meine 14h-Finish-20:00 Uhr im Ziel-Marschtabelle / das reicht nie, ich werde mindestens 15 Stunden brauche!

Vor einem Jahr hatten genau in dieser Situation die Zweifel und der Frust begonnen. – Heute ist mir die Marschtabelle egal. Ich hake wie bei einem Eishockey-Spiel das erste Drittel ab und versuche mir einen Plan für das zweite Drittel zu schmieden. In den nächsten 5 Stunden bis zur Keschhütte zu kommen, das wär doch schon mal was.

Furocla Crap Alv mit den „Englisch-Lehrerinnen“

Den Aufstieg habe ich in 40 Minuten geschafft. Also alles im grünen Bereich. Ich friere und überlege mir, die Jacke anzuziehen, warte dann aber, weil ich je nach Regensituation vielleicht auch gleich die Regenhosen montieren will. – Der Start in den Downhill ist dann wieder schmerzhaft, holperig und frustrierend. Ich stütze mich viel mit den Stöcken ab und versuche eine Technik zu finden, welche ein einigermassen geordnetes Vorwärtskommen möglich macht. Ab und zu muss ich für die schnelleren Platz machen. Ich hoffe, meine Schonhaltung für das linke Knie führt nicht zu anderen Beschwerden.

Oberhalb des Crap Alv-Sees vertun sich ein anderer Läufer und ich bei einer Abzweigung. Nach wenigen dutzend Metern werden wir von den nachfolgenden Läufern auf den Irrtum aufmerksam gemacht und wenden. Das Resultat dieser Bonus-Meter ist, dass ich eine neuwertige Julbo-Zebraglas-Sonnenbrille finde. Dieser kleine Umweg hat sich also gelohnt.

Nächster Programmpunkt ist der einsetzende Regen und auch etwas Donnergrollen. Also kurzer Stopp, meine nun zwei Sonnenbrillen in den Rucksack und dafür die Regenjacke montieren. Auf die Hosen verzichte ich. Wir steigen jetzt ja auf bis unter 1’400 Meter ab und die Temperaturen nehmen deshalb stetig zu.

Crap Alv See

Beim Crap Alv-See überhole ich die „Englisch-Lehrerinnen“, welche ihre Bekleidung auch anpassen. Auf dem Weg zur Albula-Passstrasse ziehen sie dann wieder vorbei. Leapfrogging vom feinsten!

Nach der ersten Querung der Albula-Passstrasse wird der Trail einfacher und bis Bergün wäre wieder Tempo-Gelände. Für mich funktioniert aber definitiv nur noch powerwalken. Der Tag kann noch lang werden. – Energie bekomme ich dann wieder bei Crap Alv, wo Urs Hächler mir mit dem Handy im Anschlag abpasst und ein Foto knipst.

Crap Alv

Frau und leider auch Tochter, welche den Lauf leider aufgeben musste, warten im Schutz des Autos. Ich jammere ein wenig wegen meinem Knie. Aber wie gesagt, aufgeben ist heute keine Option.

Der Regen hat inzwischen nachgelassen und ich bekomme warm in der Jacke. Also nach genau 6 Stunden Laufzeit ein kurzer Stopp für Tenüwechsel und Buchhaltung. Es stehen 36.8 Kilometer auf dem Tacho, ich habe also sogar noch 800 Meter Vorsprung auf die 14h-Marschtabelle. Nüchtern betrachtet bin ich zwar nicht richtig schnell, aber auch nicht richtig langsam. Ich komme mit der Pace der Läufer um mich einigermassen mit und wenn ich unterwegs genügend essen und trinken kann, kann ich an den Verpflegungsposten Zeit gutmachen.

Am Lai da Palpuegna

Bis Bergün habe kann ich es meistens richtig geniessen. Das Albulatal ist wunderschön und wegen dem regnerischen Wetter hat es wenig Wanderer unterwegs und wir haben die Trails für uns.

Wie könnte es anders sein: Ich überhole wieder mal die „Englisch-Lehrerinnen“, welche nun ihrerseits die Jacken ausziehen. Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass sie definitiv zu viele und zu lange Pausen machen. Sie nehmen es mit Humor!

Immer schön: Ein Wasserfall!

Mein nächster persönlicher Höhepunkt ist der Verpflegungsposten „Naz“. Hier hatte ich 2015 beim T201 zum ersten Mal den Kopf zum kühlen unter den Brunnen gehalten. Keine grosse Sache, aber für mich irgendwie ein unvergesslicher und positiver Augenblick. – Letztes Jahr wurde ich hier von der super freundlichen, hilfsbereiten und aufgestellten Postenmannschaft überrascht. – Und dieses Jahr ist es nicht anders.

Ich haue ein paar Becher Cola rein, fülle eine Wasserflasche und greife dann eine handvoll Powerbeef und ein hausgemachtes Zopf-Täubchen. – Dann begehe ich meinen einzigen Fehler dieses Laufs. Statt das Zopf-Täubchen bei der Verpflegung zu probieren, marschiere ich mit vollen Händen los.

Mein Lieblings-Verpflegungsposten „Naz“ im Licht der noch nassen Kameralinse

Als ich dann nach 200 Metern das vorzügliche Powerbeef runtergekaut habe und anschliessend das Zopf-Täubchen probiere, meine ich zuerst wenden zu müssen um nochmals zwei oder drei Stück von den Dingern zu holen. So gut hat mir selten etwas während eines Rennens gemundet! Kompliment!

Auf der restlichen Strecke bis Bergün gibt es dann viel Bahninfrastruktur zu bestaunen und ein paar Gedanken zu sortieren:

  • Macht es Sinn, mit dem verletzten Knie fertig zu laufen, oder soll ich in Bergün besser das Handtuch werfen? – Klar macht es nicht richtig Sinn. Aber ich glaube, es geht auch nichts richtig kaputt und ich habe die nächsten Wochen Zeit zum regenerieren. Und es ist meine letzte Chance, den T88 zu finishen. Und es ist wahrscheinlich etwas Karma-Bestrafung, weil ich 2018 so leichtfertig die Flinte ins Korn geworfen habe.
  • 7-Stunden-Buchhaltung: 42.4 Kilometer – praktisch die halbe Strecke geschafft – immer noch auf der 14h-Finish-Marschtabelle. Wie lange kann ich das noch halten?
  • Soll ich mich von den anderen Läufern (inkl. Englisch-Lehrerinnen) stressen lassen, welche mich hier im Flachen wieder joggend überholen? – Nein. Die „fresse“ ich an der Verpflegung oder im Aufstieg zur Alp Darlux wieder!

Albula-Strecke der Rhätischen Bahn

Mental stimmt der Zustand. Körperlich schränkt das linke Knie etwas ein, sonst aber ebenfalls alles völlig im grünen Bereich. Keine Magenprobleme trotz viel Essen und Trinken. Die zweite Hälfte kann kommen!

Nach 7:34h treffe ich an der grossen Verpflegungsstation Bergün ein. Gut 40 Minuten später als 2018. Aber dies ist mir jetzt so was von egal!

Bergün – Keschhütte

Das selbe Prozedere wie an allen Verpflegungsposten: Eine Wasserflasche füllen, 2-3 Becher Cola. Dann nutze ich die Gelegenheit und mache noch eine kurze WC-Pause.  Der Speaker kündigt an, dass in rund einer Stunde der Vorjahressieger Tofol Castanyer in Davos als erneuter Sieger erwartet wird. (Diese Prognose wird nicht eintreffen und der Oberentfelder Bernhard Eggenschwiler gewinnt den T88)

Bevor ich die Turnhalle verlasse, schaue ich mich noch kurz nach den „Englisch-Lehrerinnen“ um. Tatsächlich entdecke ich sie sitzend an die Wand gelehnt, Schuhe ausgezogen, am Pasta essen. Ich sage ja, die machen zu viele Pausen. – Ich nutze die Gelegenheit und mache mich aus dem Staub. Meinen Vorsprung holen sie bis ins Ziel nicht mehr auf.

Nach Bergün im Aufstieg zur Alp Darlux

Ich habe Respekt vor dem Aufstieg zur Alp Darlux, welcher mich letztes Jahr so zermürbt hat. 800 Höhenmeter sind zu überwinden. Ich nehme es gelassen und will mich immer noch nicht zu stark verausgaben. In 8 Stunden habe ich nun genau 48 Kilometer geschafft. Ich bin immer noch auf dem 14h-Finish-Schnitt. Etwas stolz bin ich, dass ich es trotz dem Knie so lange mit dieser Geschwindigkeit (6km/h) geschafft habe. Ab jetzt werde ich diese Pace nicht mehr halten können.

Das Läuferfeld ist nun ziemlich auseinandergezogen und ich finde zuerst niemanden zum anhängen. Ein Läufer folgt mir mit etwas Abstand. Zwei Läufer überhole ich, aber sie sind zu langsam zum anhängen. Erst halb oben kann ich zu einer Schwedin aufschliessen, welcher ich dann folge. So geht es einfacher und kurz vor 15:00 Uhr sind wir oben.

Der mühsame Aufstieg zur Alp Darlux

Es folgen 6 Kilometer Singletrail auf dem Höhenweg hoch über dem Val Tuors. Wenn der Trail technischer wird, habe ich mehr Probleme mit dem Knie. Abwärts geht immer schlechter. Aufwärts ist nach wie vor kein Problem.

Das Wetter ist ideal. Es ist bewölkt, aber nach richtig Regen oder Gewitter sieht es nicht aus. Ich werde ein paar Mal überholt, aber die meisten sind auch nicht mehr so schnell unterwegs und mir ist eh weder Rang noch Zeit wichtig. Der Finish zählt.

10 Stunden unterwegs. 2. Drittel abgelaufen. 57.5 Kilometer geschafft, nicht mehr ganz 30 Kilometer to go. Das leise Gefühl beschleicht mich, dass es heute nach dem 3. Drittel noch eine Verlängerung geben könnte. Ich glaube 15 Stunden reichen nicht ganz. – Also neues Ziel: Unter 16 Stunden bleiben und somit vor 22:00 Uhr im Ziel sein.

Auf dem Höhenweg im Val Tuors

Ich freue mich, dass Silvia mich im Ziel abholen wird. Ein Pack Chips oder eine Pizza wären dann sensationell. Und ich freue mich, in der Turnhalle den Dreck abzuduschen und zu sehen, wie die braune Brühe zum Abfluss fliesst. Immer wieder ein Erlebnis!

Beim Posten Chants kurz ein Becher Isotee und eine Flasche füllen. Hier habe ich letztes Jahr das Handtuch geworfen und bin zurück nach Bergün gelaufen. – Dieses Jahr unvorstellbar. Ich freue mich auf den Aufstieg zur Keschhütte. Dieser beträgt gut 600 Höhenmeter, was gut einer Stunde Aufstieg entspricht. Vor allem zu Beginn ist es recht steil und ich kann dort anderen Läufern anhängen. Die meisten waren schon letztes Mal dabei oder haben vorher den K78 gemacht.

Noch gut 150 Höhenmeter bis zur Keschhütte

Ich kann ein paar Leute überholen, was sich natürlich positiv auf meine Stimmung auswirkt. Kurz vor 17:30 treffe ich bei der Keschhütte ein, trinke zwei Becher Cola und packe etwas Powerbeef und ein paar Brotmocken. Dann sofort weiter. Vor 19:00 Uhr will ich über den Sertigpass sein.

Keschhütte 2’627 müM

Keschhütte – Davos

Die ersten Meter im Downhill nach der Keschhütte sind wieder hart. Das Knie schmerzt, ich suche wieder nach Rhythmus und Technik. Und ich friere. Deshalb kurzer Halt, um die Jacke anzuziehen. So ist es wieder komfortabler und ich finde auch die Ruhe, um den technischen Downhill ohne Unfall zu absolvieren.

Es liegt ungefähr noch ein Halbmarathon vor mir. Keine grosse Sache und ich bin mir sicher, dass ich es ins Ziel schaffe. Sorgen macht mir einzig noch der Downhill nach dem Sertigpass. Dort warten 500 technische und steile Höhenmeter, welche mit dem Knie keinen Spass machen werden.

Zuerst aber die Traverse durchs Val dal Tschüvel. Faszinierendes Hochtal. Ich konzentriere mich aber heute mehr auf den Trail und mein vorwärtskommen, als auf die Landschaft.

Im Val dal Tschüvel. Der tiefste Punkt am Horizont ist der Sertigpass.

Dann geht es in den letzten „richtigen“ Anstieg. Der Sertigpass ist zwar mit 2’738 Metern der höchste Punkt der Strecke. Da der Anstieg aber bereits auf 2’400 Metern beginnt, gilt es nur gut 300 Höhenmeter zu überwinden. Die sehe ich als Dessert und geniesse sie entsprechend.

Am Schluss geht es noch kurz über zwei Schneefelder und dann durch das Verpflegungszelt. Dort stoppe ich gar nicht mehr und laufe direkt weiter. Auch auf der Passhöhe gibt es keinen Stopp. Es ist 18:30 Uhr und ich will nur noch runter nach Davos.

Sertigpass 2’738 müM

Die nächsten 40 Minuten sind dann die mühsamsten des ganzen Rennens. Wie schon erwähnt: 500 Höhenmeter, steil, technisch, Downhill. Ich kämpfe mich runter. Ein junges Wanderer-Paar fragt, ob ich was brauche oder sie mir helfen können. Helfen können sie mir nicht. Ich brauche einfach eine gute Strasse ohne Steinbrocken und Trittstufen, dann geht es mir wieder besser.

Die Strasse kommt dann unten im Chüealptal. Ich beschleunige wieder auf eine Marschgeschwindigkeit von gut 6 km/h und bin so überglücklich. Das Wanderer-Paar überhole ich dann bald wieder und bitte sie nun mir das Handy aus der hinteren Rucksacktasche zu geben.

Meine Erlösung: Der Weg im Chüealptal

Es ist Zeit, meine Ankunftszeit an Silvia zu übermitteln. Ich schätze, dass ich frühestens 21:30, wahrscheinlich eher 21:45 oder sogar 22:00 im Ziel sein werde. Sie will mich ab 21:30 im Ziel erwarten.

Vom Chüealptal ins Sertigtal

Bei der Verpflegung Sertig Dörfli bin ich kurz nach 19:50 Uhr. Ein Becher Cola und weiter. – Meine Zwischenziele werden kleiner. Um 20:00 Uhr bin ich genau bei der 10-Restkilometer-Tafel. Ziel für die nächste Stunde: mindestens 6 Kilometer schaffen und dann nur noch 4 Kilometer Rest haben.

Während im am Powerwalken bin rekapituliere ich den Lauf nochmals. Schade, dass das Knie heute Probleme gemacht hat. Die Strecke ist wirklich super schön, mit vielen super Trailabschnitten und spannenden Up- und Downhills. – Körperlich ausser dem Knie alles in Ordnung. Keine Fussprobleme und keine Magenprobleme. – Ich hoffe die Sache mit dem Knie ist nichts ernsthaftes, denn ich bin motiviert zum trainieren und laufen. Ich hoffe das Knie bremst mich nicht lange aus.

Ich bin auch gespannt auf den „K70“, welcher nächstes Jahr stattfinden soll. Da möchte ich am Start sein, falls es terminlich passt. – Ich frage mich, wie es Dorothea und Rolf geht. Ich hoffe bei ihnen läuft es rund und sie können heute Nacht den T88 ebenfalls erfolgreiche finishen. – Ich frage mich, ob Silvia mir einen Sack Chips mitbringt oder ob wir noch kurz eine Pizza essen gehen. Darauf hätte ich jetzt Lust.

Ich werde bis Davos noch ein paar Mal überholt, kann aber auch selber sogar noch überholen und verliere nur 2 Plätze zwischen Sertig Dörfli und dem Ziel. – Um 21:00 Uhr bin ich bei Clavadel und habe tatsächlich nur noch 4 Kilometer vor mir.

Dann sind es noch 3 Kilometer und wir kommen auf eine schöne Strasse, welche leicht abfällt. Ich versuche zu joggen und tatsächlich, die Strasse ist so ideal, dass ich schmerzfrei laufen kann. Ich fühle mich, als wäre ich mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs und werde nicht mehr langsamer, bis ich unten im Tal übers Landwasser gehe.

Nun sind es nur noch wenige hundert Meter und ich halte nach Silvia Ausschau. Zu meiner Freude wartet sie nicht allein, sondern die Jungs sind auch dabei und wollen mit mir durchs Ziel laufen. Ich muss die beiden etwas bremsen und versuche mein bestes, dass ich mitkomme.

Wenige Sekunden nach 21:30 Uhr überqueren wir die Ziellinie. Datasport stoppt 15:30:26. – Ich habe den T88 doch noch bezwungen!

Nach dem Rennen

Aus der Pizza zu zweit wird nichts. Schnelle Dusche und dann fährt uns Schwiegermutter Marion zurück. Ich checke kurz die Finisherzeiten und Zwischenstände meiner Kollegen. Dann geht es ins Bett.

Sonntag und Montag bin ich dann ziemlich handicapiert mit meinem Knie. Das Ding lässt sich nicht ohne Schmerzen biegen. Durch den Schongang habe ich nun das Gefühl, ich bin am halben Körper verspannt. Zum Glück hab ich Ferien und kann es gemütlich nehmen.

Am Mittwoch kann ich mich wieder ziemlich normal bewegen. An Sport ist aber noch nicht wirklich zu denken und ich hoffe auf Ende Woche fühlt sich das Knie wieder normal an.

Fazit

Es wäre eindeutig schlauer gewesen, 2018 den T88 mit den leichten Krampferscheinungen zu finishen und dieses Mal wegen dem Knie abzubrechen!

Was 2018 gefehlt hat, war dieses Mal zweifellos vorhanden: Die entspannte Entschlossenheit und die Geduld, den Lauf fertig zu machen.

Dadurch, dass ich recht langsam unterwegs war, konnte ich die Strecke besser geniessen. Und wahrscheinlich ist der T88 im Prinzip der schönste Traillauf, welchen ich je gemacht habe. Er führt über lauter tolle Abschnitte: Stazerwald – Muottas Muragl – Val Bever – Abulatal – Val Tuors – Keschhütte – Sertigpass – Sertigtal. Alles top Landschaften.

Körperlich habe ich mich im Juli wahrscheinlich einfach überstrapaziert. Die Blasen vom ersten Wochenende haben mich zwei Wochen lang eingeschränkt und ein sinnvolles Training unmöglich gemacht. Die Wanderung vom zweiten Wochenende hat die Regeneration behindert. Der E51 am dritten Wochenende war dann eine recht grosse Belastung auf den angeschlagenen Körper und das Resultat hat sich dann beim T88 (am 4. Wochenende) gezeigt. – Ich denke ich muss mehr und abwechslungsreicher trainieren und die wettkampfmässigen Belastungen besser verteilen.

Ausblick

Im August sind keine sportlichen „Ernstkämpfe“ geplant. Ich hoffe ich kriege das Bein in den Griff und kann dann noch etwas an der Form schaffen, bis wir am 13. September zum Run for Hope-Projekt „Vom Mönch nach Monaco“ aufbrechen. Für mich hat diese Reise zwar auch eine sportliche Seite, ich bin aber viel mehr auf die Abenteuer- und Gruppendynamik-Aspekte gespannt.

Nachher ist mein sportliches Jahr praktisch schon gelaufen. Allenfalls mache ich nochmals den Hallwilerseelauf. Dann denke ich, stehen Pius, Markus und ich in Luzern beim Halbmarathon am Start. (Pius, du darfst auch den Marathon machen!) – Und nachher beginnt ja meine erste richtige Skitouren-Saison. Ich will einen Grundkurs absolvieren und hoffe, meine Skitouren-Kollegen nehmen mich auf die eine oder andere Tour mit.

Für nächstes Jahr werde ich mich um einen Startplatz für den Eiger E35 bewerben, dann ist der „K70“ ein Thema und ich habe noch so ein Ego-Projekt im Hinterkopf, welche mal einen tollen Tag ausfüllen könnte.

 

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