Run for Hope / Via Alpina / Grindelwald – Meiringen

Vorgeschichte

Brigitte Daxelhoffer und ihr Projekt „Run for Hope“ kenne ich seit 2014, als sie den Eiger Ultra Trail E101 als Spendenlauf bestritt. Persönlich kennengelernt haben wir uns dann 2015 beim Irontrail T201. Mitten in der Nacht auf der Bergstation Murtel im Engadin kreuzten sich unsere Wege und  den Rest der Nacht sind wir dann gemeinsam bis Maloja gelaufen. 2016 (Marathon des Sables) und 2017 (Dragon’s Back Race) habe ich die Projekte von Brigitte fasziniert am Livetracker verfolgt und jeweils auch ein paar Franken gespendet. Als dann Ende 2017 das Via Alpina-Projekt präsentiert wurde, hat mich das sofort angesprochen und ich wollte auch irgendwie dabei sein.

Die ganze Strecke von Montreux bis Vaduz (380km, 25’000Hm) lag ausserhalb meiner Möglichkeiten. Mein Plan war aber, am Freitag in Grindelwald einzusteigen und dann mal zu sehen, wie lange ich mitkomme.

Meine körperliche Vorbereitung war auf absoluter Sparflamme. Aber ich spekulierte darauf, dass Brigitte nach zwei Tagen und zwei Nächten nicht mehr so spritzig sein würde, um mich bis zur Grossen Scheidegg schon in Grund und Boden zu laufen. Ausrüstungsmässig war ich mir nicht sicher, was ich alles einpacken soll. Ich habe keine Erfahrung mit Mehrtagestouren inkl. Spontanbiwakieren. Brigitte meinte vorgängig, Schlaf werde überbewertet und deshalb reiche ein Biwaksack und eine Daunenjacke für die Übernachtung.

Vor dem Lauf

So reise ich also am Freitag Morgen mit dem Zug nach Grindelwald. Um 9:38 Uhr komme ich an und finde den „Run for Hope“-Stand auf Anhieb. Ich werde vom Betreuer-Team begrüsst und bekomme eine kurze Einweisung und meinen Tracker. Die letzte Nacht hat es durchgehend geregnet und entsprechend wurde viel Kraft verbraucht. Armon, der einzige männliche Läufer neben mir, musste den Verhältnissen Tribut zollen und in Mürren aussteigen. Er schaut noch kurz in Grindelwald vorbei und so lernen wir uns erfreulicherweise doch persönlich kennen.

Das Team beim Start der zweiten Etappe in Kandersteg Andrea, Anja, Brigitte, Anni, Armon,  Seraina, Connie, Karin

Für mich ist es eine Ehre, dass ich Andrea Huser, die Ausnahme-Ultra-Trailläuferin der letzten Jahre persönlich kennen lerne. Sie wollte ursprünglich auch mitlaufen, kann aber wegen einer Verletzung nicht mittun. Selbstlos stellt sie sich nun als Betreuerin zur Verfügung und unterstützt dabei Brigittes „Original-Betreuerin“ Karin.

Die drei verbleibenden Läuferinnen Brigitte, Anja und Anni treffen dann um 10:30 Uhr in Grindelwald ein. Nach der harten Nacht ist die Begrüssung hier sehr emotional. Brigittes Tochter und ihre Mutter sind hier und es fliessen ein paar Tränen. – Ich habe etwas Respekt, ob meine Integration in dieses Powerfrauen-Team gelingen wird. Mein Ziel ist einzig, Brigitte so gut wie möglich auf ihrem Weg nach Vaduz zu unterstützen. Sobald ich das Gefühl habe, zu stören oder bremsen, werde ich aussteigen.

Einlauf in Grindelwald: Anni, Anja und Brigitte

Die Frauen gehen zur Massage und ich warte mal weiter. Dann gibt es ein super Mittagessen im EIGER+ cafe lounge. Für mich die erste richtige Möglichkeit, mit den Frauen in Kontakt zu kommen. Ich erfahre, wie die Route bis jetzt war und habe das Gefühl, die drei sind schon stark zusammengeschweisst. Anja habe ich vor ein paar Wochen beim X-Alpine zufällig kurz kennengelernt und deshalb einen kleinen persönlichen Bezug zu ihr. Anni treffe ich hier zum ersten Mal. Sie macht es mir mit ihrer unkomplizierten und offenen Art aber sehr einfach. In Meiringen wird sie aussteigen und sie versichert mir, dass sie das mit einem guten Gefühl tun könne, da ich jetzt ja da wäre. Ich hoffe, sie wird in Meiringen immer noch dieser Meinung sein.

Mein erstes gemeinsames Essen mit dem Team

Die Damen legen sich dann für zwei Stunden in der Zivilschutzanlage  aufs Ohr. Ich vertreibe mir die Zeit mit Zeitung lesen und lausche fasziniert, als mir Andrea (wie immer sehr bescheiden) von ihrem Weg zur Profi-Trailläuferin erzählt. – Ich hatte mich darauf eingestellt, nach 12:00 Uhr zu starten und nun werden wir erst nach 15:00 Uhr hier wegkommen. Erstaunlicherweise werde ich dadurch nicht nervös. Ich habe endlich wieder mal das Gefühl, dass ich die Geduld und den Willen habe, einfach so viel Zeit und Energie zu investieren, wie es brauchen wird, um unser Ziel zu erreichen. Diese Einstellung hatte mir beim X-Alpine und Irontrail T88 gefehlt.

Nach genau zwei Stunden Ruhe, holt „Feldweibel“ Karin die Drei aus der Zivilschutzanlage. Brigitte sieht aus „wie vom Laster überfahren“ und ich erschrecke kurz etwas. Sie und Anja haben aber bereits 170km hinter sich und ich habe nach UTMB oder T201 sicher nicht besser ausgesehen. – Die drei machen ruhig ihre Ausrüstung bereit und nun ist auch für mich die Zeit gekommen, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Als dann auch Anni endlich die richtigen Hosen gefunden hat, können wir ans aufbrechen denken.

Get ready!

Grindelwald – Grosse Scheidegg – Meiringen

Erfreulicherweise hat die Bewölkung inzwischen aufgerissen und es sieht nach einem freundlichen Trail-Nachmittag/-Abend aus. Beim Briefing durch Karin interessiert nur das Höhenprofil. Folgende Fragen gibt es zu beantworten:

  • Wo sehen wir die Betreuer wieder? – Meiringen
  • Wie weit ist es bis dort? – ca. 23km
  • Wie lange benötigen wir? – 4 bis 5 Stunden
  • Passübergang? – Grosse Scheidegg, 1962 müM, Aufstieg gut 900Hm

Briefing durch Karin

Um 15:15 Uhr starte ich meine Uhr. Das Abenteuer beginnt! – Und es beginnt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich halte den Ball flach und laufe einfach mal hinterher. Zuerst mal sehen und hören was so passiert. Das Tempo ist nicht allzu hoch, aber flüssig. So passt mir das.

Durch Grindelwald

Die Strecke zur Grossen Scheidegg kenne ich vom Eiger Ultra. Brigitte macht aufwärts das Tempo. Anni läuft meist nahe bei ihr und Anja dahinter. Ich watschle am Schluss hinterher. – Wir verlassen Grindelwald und der Anstieg zur Grossen Scheidegg beginnt. Als wir ins Weidegebiet kommen, weist mir Anni die Aufgabe zu, jeweils die Weidezäune zu öffnen und wieder zu schliessen, so dass Brigitte und Anja ohne Unterbruch durchmarschieren können. Ich bin froh, dass ich mich ein wenig nützlich machen kann und spüre, dass Brigitte und Anja froh sind um solche Kleinigkeiten.

Wasser auffüllen

Ich lerne meine erste Lektion in Sachen Selbstsupport. Da nicht alle 5 Kilometer ein Verpflegungsposten steht, werden Brunnen und Bäche als wichtige Wasserquellen genutzt. Es heisst stehts die Augen offen zu halten. Brigitte und Anja kommen immer noch gut voran und Anni sorgt für gute Stimmung. Ich bekomme die Geschichten von der Regennacht zu hören und alle hoffen, dass weitere Regenfälle ausbleiben. Ich schnappe auch etwas von einem Mann und Sandwiches auf, welche irgendwo warten sollen.

Grosse Scheidegg 1962m

Ich bin mir nicht gewohnt, in einer Gruppe zu laufen und stellte mir das vorher eher schwierig vor. Nun geht das aber harmonisch vor sich und ich fühle mich total wohl. Wir benötigen keine zwei Stunden bis zur Grossen Scheidegg und ich bin ein erstes Mal beeindruckt, wie konstant die Mädels auch nach fast 180km noch das Tempo halten und keine Pausen machen.  Kurz vor dem Pass klinkt sich Anni dann aus und läuft voraus ins Restaurant, um eine Flasche Rivella zu kaufen. Auf der Grossen Scheidegg löst sich das Rätsel vom Mann und den Sandwichs. Tätsch Aplanalp hat hier schon vier Stunden auf uns gewartet, um uns bis Meiringen zu begleiten. In Rosenlaui hat er einen Verpflegungsposten (mit Sandwiches) für uns organisiert.

Mit Tätsch unserem Trail-Angel

Karin hat eine Sonderbewilligung bekommen und kann uns deshalb hier oben auch kurz treffen. Zu tun gibt es für sie momentan nicht viel. Wir teilen uns die Flasche Rivella und ein paar Chips und machen uns dann in Begleitung von Tätsch an den Abstieg Richtung Meiringen.

Die Marschreihenfolge wechselt. Anja übernimmt die Spitze und zieht Brigitte mit, welche sich als schlechte Downhill-Läuferin bezeichnet. (Daneben ist sie auch schlecht in Navigation und Geografie und vergisst zudem dauernd die Höhen der Pässe). – Abwärts Anja vorne, aufwärts Brigitte vorne, dies wird bis Elm die „Faustformel“ bleiben. Ich will das Tempo nicht machen und es wird auch nie notwendig werden. „Schwester Anni“ ist das Mädchen für alles und die gute Seele in Person. Sie spürt intuitiv, wo sie gebraucht wird und ist dort zur Stelle. Sie strahlt auch Sicherheit und Erfahrung aus und ich bedaure bereits jetzt, dass sie nur bis Meiringen dabei ist.

Downhill nach Meiringen

Tätsch ist hier in der Gegend aufgewachsen und hat einiges zu erzählen. Nach dem ruhigen Aufstieg kommt also etwas Leben in unseren Zug. Ich orientiere mich nun eher nach vorne, um ja keinen Weidezaun zu verpassen und „ein Strichchen“ zu kassieren. Ich weiss zwar nicht, nach wie vielen Fehlern ich rausfliegen würde. Es gefällt mir aber bereits so gut, dass ich unbedingt noch dabeibleiben will.

Anja spricht mich dann auf meinen DNF am X-Alpine an. Ich erkläre ihr meine Sicht und bin froh, dass auch sie dort kämpfen musste und wir einen ähnlichen Eindruck vom Lauf hatten. Sie ist ein grosser Fan der Schweizer Berge und interessiert sich sehr für die Berge, Gletscher und Orte um uns. Ich versuche ihre Fragen so gut wie möglich zu beantworten.

Um 18:15 Uhr treffen wir in Rosenlaui ein, wo Sabine, eine Kollegin von Tätsch den Verpflegungsstand eingerichtet hat. Neben Sandwiches gibt es Getränke, Früchte, Biberli, … . Was will man mehr? – Ich schnappe mir eine Banane und teile mir mit Anja ein alkoholfreies Bier.

Tätsch’s Food Corner at Rosenlaui

Wir ziehen bald weiter, damit wir vor der Dunkelheit noch Meiringen erreichen. Bei den Reichenbachfällen punkte ich mit meinen kulturellen Kenntnissen und zeige Anja, wo Sherlock Holmes zu Tode gestürzt ist. Wir werden prompt von Brigitte zurechtgewiesen, dass wir nicht von der Route abweichen sollen. 🙂

Reichenbachfälle

Nach 4:15 Stunden Laufzeit treffen wir um 19:30 Uhr in Meiringen ein. Wir werden von Karin, Andrea und Kollegen von Tätsch herzlich empfangen. Anni wird für ihre 79 Kilometer geehrt und schweren Herzens verabschiedet. Ich wechsle auf lange Hosen, fülle Verpflegung nach, setze die Stirnlampe auf und mache mich allgemein für die Nacht bereit.

Kurzer Boxenstopp in Meiringen

Zum einen bin ich froh, dass nun endlich Freitag Abend ist und damit kein Druck mehr, dass im Geschäft etwas schief laufen könnte. Zum anderen bin ich nervös, da ich vor dem Anstieg auf die Planplatten Respekt habe und mir bewusst wird, dass es bis jetzt nur lockeres Vorgeplänkel war. Das Abenteuer beginnt jetzt richtig!

Link zur nächsten Etappe Meiringen – Engelberg

Link zur Spendenseite von Run for Hope

 

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