Run for Hope / Tag 2 / Täsch – Lago di Place Moulin

Datum: Sa, 14.09.2019
Route: Täsch – Theodulpass – Cervinia – Col de Vofrède – Colle de Valcournea – Lago di Place Moulin
Brigitte’s Strecke: 50km
Anja’s Strecke: 50km
Anni’s Strecke: 28km
Martin’s Strecke: 22km
Chrige’s Strecke: 23km

Tagwache ist um 5:30 Uhr. Der geplante Starttermin um 6:30 Uhr kann dann nicht ganz eingehalten werden und Brigitte, Anja und Anni marschieren erst um 6:45 Uhr los Richtung Zermatt. Wir werden die Läuferinnen erst nach 27 Kilometern Strecke in Cervinia wieder sehen. Die Strecke führt ab Zermatt hoch über Furgg, Trockener Steg, Gandegghütte, Theodulgletscher zum Theodulpass und dann auf der italienischen Seite runter nach Cervinia. Der Theodulgletscher soll mit «Icetracks» an den Schuhen begehbar sein, wurde uns berichtet. Da Chrige den Theodulpass vom biken her kennt, begleitet sie ab der Station Furgg die anderen Ladies.

Logistisch sieht der Plan wie folgt aus: Karin und Andrea werden mit dem Wohnmobil zuerst nach Aosta und später gemäss unserem Fortschritt zu einem passenden Übernachtungsplatz fahren. Silvia und ich fahren mit dem Bus nach Cervinia, wo wir eine Zwischenverpflegung einrichten. In Cervinia werden Chrige und Anni in den Bus steigen, während ich mit Brigitte und Anja weiterlaufen werde.

Anstatt wie ursprünglich geplant, ab Cervinia bis Aosta 54km direkt durch hochalpines Gelände zu marschieren, haben wir uns gestern für eine entschärfte Variante entschieden. Von Cervinia werden wir über den Col de Vofrède und den Colle de Valcournera direkt ins Valpelline laufen. Dann durchs Tal raus nach Aosta. Sicherheitstechnisch hat diese Variante den Vorteil, dass die Läuferinnen wesentlich kürzer ohne Team-Support unterwegs sind. Zudem müssen wir es nicht bis Aosta schaffen und können die Übernachtung auch irgendwo im Valpelline vorziehen.

Die Fahrt nach Cervinia verläuft ohne Probleme. Wir verfolgen den Fortschritt der Läuferinnen auf dem Trackmaxx-Livetracking. Zwischendurch erreichen uns auch Fotos per Whatsapp. Matterhorn, Kuchenpause bei der Gandegghütte und Gletscherüberquerung auf dem Skilift-Trassee.

Ovo und Kuchen auf der Gandegghütte

Auf dem Skilift-Trasse über den Theodulgletscher

Silvia und ich treffen vor dem Mittag in Crevinia ein und genehmigen uns ein kleines Mittagessen im Restaurant. Ich bin aber etwas kribbelig, da auf der nächsten Etappe rauskommen wird, wie gut die Routenplanung per Outdooractive-App in den italienischen Alpen funktioniert. Bis Cervinia kannten wir das Gelände einigermassen und konnten uns auf Schweizer Karten und Wanderwege verlassen. Ab jetzt kommt viel Unbekanntes auf uns zu und ich hoffe, die Wege in der App sind dann im Gelände tatsächlich passierbar.

Wir richten den Verpflegungsposten auf einem grossen Parkplatz ausgangs Cervinia ein. Ich versuche die weitere Route im Gelände zu erkennen. Zuerst runter zum Golfplatz, dann dort in den Wald rein, hoch auf die Alp und nachher kann ich irgendwie nicht nachvollziehen, wo der Pass ist. Irgendwie sind nur steile Felswände zu sehen und ich kann mir nicht vorstellen, wo der Weg durchführt. Wir werden sehen.

Gegen 14:00 Uhr gehe ich den Läuferinnen ein wenig entgegen, um sie zum Bus zu lotsen. Dank dem Livetracking finde ich Brigitte, Anja und Anni ohne Probleme und um 14:15 Uhr sind wir beim Bus. Chrige nimmt es beim Abstieg etwas gemütlicher und kommt ein paar Minuten später. Brigitte und Anja verpflegen sich und machen sich für ihre zweite Schicht bereit. Nach einer Stunde Pause sind sie wieder bereit und um 15:15 Uhr machen wir uns zu Dritt auf den Weg.

Einlauf in Cervinia

Kurze Rast bevor es auf die 2. Etappe des Tages geht

Vor uns liegen etwa 13 Kilometer, bis der Zugang für die Betreuer wieder möglich sein sollte. Ich rechne mit etwa 4 Stunden bis dorthin. Die Nachtausrüstung (Stirnlampen/Kleider) nehmen wir auf jeden Fall mit, denn sollten wir länger haben, werden wir die Sachen brauchen.

Wie von der Via Alpina gewohnt, sind Brigitte und Anja im Flachen schnell unterwegs. Ich bin der schwächste Läufer im Team und deshalb froh, als wir auf den Trail kommen und der Aufstieg beginnt. Hier komme ich besser mit. Von 1’960m geht es rasch hoch zur Waldgrenze bei rund 2’200m. Wir queren ein wenig auf einem Höhenweg, bevor es steil eine Geröllhalde hochgeht.

Der Aufstieg zum Col de Vofrède beginnt

Steil ist geil und das Ganze macht soweit Spass, vor allem da sensationelles Wetter ist und wir eine super Aussicht auf die Rückseite des Matterhorns und auch zum Theodulpass haben, wo die Frauen heute morgen noch waren. – Mangels Italienisch-Kenntnissen übersetzte ich den Wegweiser «pericoloso» für mich mit «spektakulär». Brigitte erklärt mir später, dass die richtige Übersetzung «gefährlich» heisst.

Steiler Aufstieg Richtung Col de Vofrède

Steiler Aufstieg Richtung Col de Vofrède

Solche Passagen bringen uns nicht gerade schneller nach Monaco

Blick zurück nach Cervinia. Das Matterhorn links in den Wolken. Der Theodulpass ist rechts, wo der Schnee beginnt.

Bis auf eine Höhe von rund 2’700m ist alles kein Problem. Dann erklärt sich, wieso ich von unten nur Felswände sah und die Route nicht erkennen konnte. Der Weg wird durch die Felsen geführt und viele Stellen sind mit Stahl-Fixseilen gesichert. Der Fels ist trocken und sehr griffig und von dem her funktioniert die Route gut. Aber es ist halt sehr technisch und wir kommen nicht vom Fleck. Für die 400 verbleibenden Höhenmeter bis zum Pass benötigen wir 1:20h.

Auch ich weiss nun „pericoloso“ bedeutet „gefährlich“

Die letzten Meter zum Col de Vofrède

Es ist etwa 18:45 Uhr, als wir auf 3’130m auf dem Col de Vofrède stehen. Von dort ist der Weg zum Colle de Valcournera gut überblickbar. 300 Höhenmeter Abstieg in ein Hochtal, an zwei Seen vorbei und dann wieder 200 Meter Aufstieg zum Pass. Dahinter geht es runter ins Valpelline.

Auf dem Col de Vofrède 3’130m

Unsere weitere Route: Runter, vorbei an den beiden Seen und dann über den Colle de Valcournea (tiefste Lücke in der Bildmitte) ins nächste Tal

Im Abstieg geht Anja meist voraus, Brigitte folgt ihr und ich mache den Schluss. Der Downhill ist recht technisch und Brigitte ist bald in ihrem unverwechselbaren Disco-Downhill-Stil. Sie tanzt über die Steine als gäbe es keinen Morgen! Sozusagen Saturday-Night-Fever! – Hinter dem Pass haben wir keinen Handyempfang mehr. Da der Tracker auch übers Handynetz die Positionsangaben sendet, können wir nun weder mit dem Betreuerteam kommunizieren, noch kann dieses unsere Fortschritte beobachten. – Die Landschaft finde ich sensationell schön. Hochalpin, abgelegen und völlige Ruhe! Einfach faszinierend, hier unterwegs sein zu dürfen.

Wir sind langsam unterwegs und die Entscheidung, den kürzesten Weg ins Valpelline zu nehmen erweist sich als goldrichtig. Die hochalpine Strecke nach Aosta wäre viel zu ambitioniert gewesen. – Das zähe Vorankommen und die Aussicht auf den zweiten langen Abend in Serie zehren etwas an den Nerven. Genau im richtigen Augenblick bekommen die Frauen dann beim Rifugio Perucca-Vuillermoz einen Aufsteller. Anja sieht ihren ersten Steinbock in freier Wildbahn. Für Brigitte hat es beim Rifugio einen Hund. Zudem entdecken wir Wegweiser und ein Plakat des «Tor des Glaciers». Ein neuer Gewalts-Lauf von 450 km Länge und 32’000 Höhenmeter. Der «Tor des Glaciers» kommt sogleich auf die Bucket List von Brigitte.

Die Hüttenwartin ist etwas erstaunt, dass wir so spät noch hier unterwegs sind. Sie sieht aber keine Probleme, dass wir es ins Valpelline schaffen werden. So nehmen wir den halbstündigen Aufstieg zum Colle de Valcournera unter die Füsse. Es dämmert schon stark, als wir um genau 20:00 Uhr die Passhöhe erreichen. Die Aussicht besteht aus einem weiteren technischen Downhill, darunter ein Hochtal aus dem wir rauslaufen müssen und im Westen dem stolzen Mont Blanc im Licht des Sonnenuntergangs.

Die letzten Meter zum Colle de Valcournera

Abendstimmung auf dem Colle de Valcournera. In der Mitte der Mont Blanc im Licht der untergehenden Sonne.

Wir gehen den Downhill sofort an, da es auf dem Pass recht frisch ist und wir das letzte Tageslicht nutzen wollen. Nach 15 Minuten Abstieg ist dann aber fertig lustig und wir machen einen kurzen Halt um warme Sachen und die Stirnlampen zu montieren. Dann geht es weiter und schon bald kommt die Frage auf, wie viele Kilometer sind es noch. Wenn man weder genau weiss, wie weit es ursprünglich war, noch wie genau die GPS-Messung in diesem Gelände funktioniert, noch wo denn die Betreuerinnen warten, ist die Frage wie weit es noch ist, unmöglich zu beantworten. – Ich nenne dann einfach mal eine Zahl, welche mir zu hoch erscheint. Auf die Kritik, dass könne doch nicht stimmen, nenne ich eine tiefere Zahl, welche realistischer sein könnte und hoffe das stimmt dann auch. Dass diese Taktik für Brigitte und Anja nicht zufriedenstellend ist, kann ich verstehen. Immerhin sind sie heute auch schon wieder 14 Stunden auf den Beinen und sehnen sich den Feierabend herbei.

Abstieg ins Valpelline im Licht der Stirnlampen

Im Dunkeln marschieren wir aus dem Seitental Richtung Stausee Lago di Place Moulin. Ich checke dauernd mein Handy auf Empfang, aber weiterhin herrscht Funkstille. Endlich sehen wir ein Licht, welches von einem Rifugio auf der gegenüberliegenden Seeseite stammen muss. Irgendwann haben wir dann auch Handyempfang und Karin teilt mir mit, dass sie mit Silvia am Ende des Sees wartet. Das Wohnmobil steht vorne bei der Staumauer und wir werden dort übernachten. Der Feierabend rückt näher!

Um 22:00 Uhr treffen wir auf Karin und Silvia. Aus geplanten 4 Stunden sind fast 7 Stunden geworden. Wir essen und trinken etwas und machen uns dann auf die letzten fünf einfachen Kilometer bis zum Wohnmobil.

Die aus dem Wald kamen!

Das Rivella haben wir uns verdient

Um 23:00 treffen wir dort ein. Verpflegen, planen, massieren, schlafen. – Trotz Vereinfachung der Route liegen wir nun praktisch einen halben Tag hinter unserem Zeitplan. Noch nicht dramatisch, aber der heutige Tag hat gezeigt, wie hart fast jeder Kilometer erkämpft werden muss. 134 Kilometer sind geschafft. Gemäss Plan liegen noch rund 470 Kilometer vor uns. Morgen ist Sonntag. Da heisst es ausschlafen und die Tagwache wird auf 6:30 Uhr festgelegt.

Endlich Feierabend: Zufrieden und glücklich

Tag 3: Lago di Place Moulin – Valgrisenche

 

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