Aarau – Genf / Etappe 5 / Frinvillier – Weissenstein

Etappe 5: Frinvillier – Weissenstein

Datum: Sa/So, 4./5. Juli 2020
Strecke: ca. 24 km
Marschzeit: ca. 7 h
Teilnehmer: Martin / Remo

 

Vorgeschichte

Unser Familienprojekt Aarau-Genf ist fast zwei Jahre steckengeblieben. Im August 2018 war ich mit David von Oensingen auf den Weissenstein gewandert. Seitdem sind wir nicht mehr weitergekommen. Ein Grund war, dass 2019 die Prioritäten beim anderen Familien-Projekt „Schweiz Nord-Süd“ lagen. Ein zweiter Grund ist, dass man vom Weissenstein her eine mit 24 Kilometern, recht lange Etappe wandern muss, um zu dem gut erreichbaren Bahnhof Frinvillier zu kommen. Letztes Jahr ebenfalls zu kurz gekommen, sind „Overnight-Touren“ mit Remo. So lag es auf der Hand, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Pünktlich zum Schulferienbeginn, kündigte sich eine warme und trockene Nacht an. Dass grad auch noch Vollmond war, habe ich leider nicht kapiert. Remo und ich packen also am Samstag nach dem Mittag unsere Rucksäcke und fahren um 15:00 Uhr in Schöftland mit dem Zug weg. Das Ziel ist Frinvillier. Wir wollen die Etappe „rückwärts“ von West nach Ost marschieren. Ich habe das Gefühl, dies ist logistisch etwas einfacher, wenn dadurch auch die Etappe schwieriger wird, da wir viel mehr Höhenmeter aufwärts, als abwärts haben.

Zwei Tage vor der Maskenpflicht im ÖV, haben wir zwar Masken im Rucksack, sind aber froh, dass es wenig Leute im Zug hat und noch praktisch niemand eine Maske auf hat. Um 16:30 Uhr sind wir dann wieder an der frischen Luft und starten die Wanderung bei schönstem Wetter in Frinvillier. Der Wegweiser zeigt eine Wanderzeit von 8 Stunden an.

Frinvillier – Grenchenberg (Samstag)

Es geht gleich in den ersten Anstieg hoch nach Plagne rein. Auf den ersten 3 Kilometern sind gut 300 Höhenmeter zu überwinden. Remo findet den Start nicht so spassig und braucht einen Moment, bis er den Rhythmus findet. Nach einem Kilometer ist er dann aber drin und hat gute restliche 23 Kilometer. – Bei mir ist es umgekehrt. Der erste Kilometer geht unbeschwert, doch dann spüre ich bereits das Debakel, welches sich an meinen Fersen anbahnt.

Vor genau einem Jahr bin ich mit Urs Bolliger die Alpenüberquerung von Erstfeld nach Ambri gewandert. Mit den damaligen Wanderschuhen, welche mir brutale Blasen beschert haben, bin ich nie richtig warm geworden. So habe vor ein paar Tagen die Marke gewechselt und wollte heute auf dieser gemütlichen Wanderung mit Remo die Schuhe ein erstes Mal einlaufen. Einen kurzen Moment hatte ich noch überlegt, Blasenpflaster mitzunehmen. Wer aber mit mal mit drei Frauen, nachts, im fernen Frankreich, stundenlange ohne Handyempfang, zwischen Wölfen hindurch gewandert ist :-), der nimmt für Frinvillier-Weissenstein kein Blasenpflaster mit.

Im Aufstieg nach Plagne

Ich kann es kaum glauben. Erst einen Kilometer unterwegs und ich merke, dass es durch die Belastung beim Aufstieg zu Scheuerstellen an der Ferse kommt und sich unweigerlich Blasen bilden werden. Ich kann nichts dagegen tun und spüre innerlich bereits den Schmerz, wenn ich morgen früh wieder in die Schuhe rein muss.

Ablenkung bieten die Verhandlungen mit Remo. Die Zuckerstange, welche er nach dem ersten Kilometer eingeworfen hat, wirkt Wunder und er will den Vorgang jeden Kilometer wiederholen. Ich verlange, die Strecke bis zur Belohnung jeweils zu verdoppeln. Also erst bei 3 Kilometern wieder und dann bei 7 Kilometern. – Wir handeln auch aus, wie weit wir heute marschieren wollen. Er will die Hälfte, also 12 Kilometer machen. Ich möchte lieber gleich 2/3, also 16 Kilometer machen. – Wir einigen uns auf mindestens 12 Kilometer und dann eine Neubeurteilung der Situation.

Nach gut 2 Kilometern passieren wir eine Gruppe Pfadfinder, welche am Rasten ist. Es geht immer noch aufwärts und trotz Abendstunde ist es immer noch ziemlich warm und schweisstreibend. Remo hat nochmals eine kleine Krise und wir ziehen die 3 Kilometer-Zuckerstange schon nach 2.5 Kilometer aus dem Rucksack. Die Pfadfinder haben ihre Pause inzwischen beendet und überholen uns hier wieder. – Allerdings sind die recht inhomogen und zum Teil sehr langsam unterwegs. So schnupfen wir die langsamen Mitglieder rasch wieder ein und die Schnelleren müssen weiter vorne bereits wieder auf die Langsameren warten. Wir überholen also wieder die ganze Gruppe und sind uns ziemlich sicher, dass wir sie heute nicht mehr sehen werden.

Durch das Dörfchen Plagne geht es dann ein paar hundert Meter flach oder sogar leicht abwärts. Dann folgt aber bereits die zweite Stufe mit nochmals rund 200 Höhenmetern zur Hochebene „Montagne de Romont“.

Nach Plagne

Der steile Anstieg auf einer recht wilden Forststrasse ist nicht grad als Genusswandern zu bezeichnen. Ich versichere Remo, dass dieser Weg abwärts auch nicht mehr Spass machen würde. Wir stoppen ein paar Mal kurz, ziehen es aber sonst geduldig durch. Kurz nach 18:00 Uhr erreichen wir die Hochebene. 1.5 Stunden, 5 Kilometer, 500 Höhenmeter.

Die nächsten 2.5 Kilometer machen dann aber richtig Spass. Die Temperaturen sind aufgrund Sonnenstand und Höhenlage nun angenehmer. Die Aussicht über das Mittelland bis in die Alpen grandios. Remo hat heute morgen seine neue Brille bekommen und es macht den Anschein, dass er einiges besser sieht damit. Das freut mich natürlich ungemein. Auf der Ebene spüre ich auch meine Fersen weniger und laufe lockerer.

Zeitlich liegen wir voll im Plan. Auf der Karte ist bei Kilometer 7.5 ein Gasthaus eingezeichnet. Dieses ist unser nächstes Zwischenziel und wir wollen uns dort ein Getränk gönnen. Leider stehen wir vor verschlossenen Türen und müssen auf den Stierenberg, 3.5 Kilometer weiter hoffen.

Blick Richtung Berner Oberländer Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau

Der Weg steigt nun konstant leicht an und wir erreichen beim Grenzübertritt von Bern nach Solothurn fast 1’200 Meter. Ab dort geht es wieder auf einem bewaldeten Gratrücken wieder leicht abwärts. Etwas überraschend treffen wir auf eine einzelne Wanderin, welche uns hier entgegen kommt. Sonst haben wir seit den Pfadfindern niemanden mehr wandernd angetroffen.

10 Kilometer Gesamtstrecke liegen hinter uns, als wir aus dem Wald kommen und auf die Strasse zum Grenchenberg kommen. An einem Brunnen füllen wir unsere Flaschen mit „Frischem Quellwasser, welches gesetzlich aber kein Trinkwasser ist“. Dann folgen wir der Strasse ein paar hundert Meter bergab und kommen zum Stierenberg, wo das Restaurant erfreulicherweise geöffnet ist. Zeit für eine Pause und eine Erfrischung. Wir sind seit bald 3 Stunden unterwegs.

Verdiente Pause auf dem Stierenberg

Immer wieder erstaunlich, wie schnell man friert, wenn man sich nicht mehr bewegt und mit einem verschwitzten Shirt ein wenig im Wind sitzt. Wir ziehen unsere Jäckchen an und trinken Süssgetränke. Wir sind praktisch die einzigen Gäste und ich überlege ein wenig, was Corona für fatale Auswirkungen auf das Gastgewerbe hat.

Die Pause nutzen wir auch um unseren Plan zu überprüfen. Es geht gegen 20:00 Uhr und wir stehen bei Kilometer 11. Wir wollen noch zwischen dem Untergrenchenberg und dem Obergrenchenberg einen guten Platz zum biwakieren finden. Dann haben wir morgen noch 10 oder 11 Kilometer, was locker möglich ist. (So locker wie es mit offenen Fersen möglich ist) – Also machen wir uns wieder auf den Weg, um den Rest für heute noch zu erledigen.

Weiden haben wir schon ein paar durchquert. Aber nun hat es auch Tiere drin. Als erstes stehen wir gleich mal einem Lama gegenüber. Wir schauen uns wohl gegenseitig mit ähnlich grossen Augen an. Als nächstes folgen ein paar Schafe, bevor wir dann zu den Kühen und Rindern kommen. Remo findet vor allem die verschiedenen Varianten/Systeme von Zaunpassagen interessant. Vor den Tieren hat er eher Respekt.

Stierenberg-Lama

Was den morgigen Tag neben der kürzeren Strecke einfacher machen wird, sind die Höhenmeter. Rund zwei Drittel davon werden wir heute bereits absolviert haben. So erreichen wir auf dem Untergrenchenberg 1’300 Meter und bald darauf die höchste Stelle für heut mit 1’370 Metern. Nach massig schöner Juralandschaft und sensationellem Alpenblick, haben wir hier nun auch die Sicht nach Norden Richtung Frankreich. Die Sonne neigt sich schon langsam dem Horizont zu und es wird nun wirklich Zeit, einen Platz zum übernachten zu finden.

Grenchenberg Blick Richtung Westen

Wir sind nicht die einzigen, welche hier oben übernachten wollen und treffen auf eine Gruppe Jungendlicher mit ihrem Betreuer/Lehrer. Was mir auffällt, spricht Remo aus: „Die hören nur Musik und essen, während der Lehrer alleine das Zelt aufstellt.“ Ich muss lachen.

Ich spekuliere auf eine Übernachtung am höchsten Punkt, oberhalb der Felswand des Ängloch. Der Platz wäre cool, allerdings passt er Remo nicht, da er in einer Weide mit Kühen liegt. Er hat Angst, dass uns die Kühe in der Nacht besuchen. Auf der Weide nebenan hat es zum Glück keine Kühe und wir ziehen deshalb diese vor.

Blick auf Solothurn, die Aare und die Alpen

Kurz vor 20:30 legen wir die Rucksäcke ab. Die Aussicht von hier ist überwältigend und wir staunen einfach ein wenig. – Dann trockene und warme Sachen anziehen, Rucksäcke auspacken und Nachtlager bereit machen. Unser Ausflug soll mir auch als Materialtest dienen. Der Wanderschuh-Test ist schon mal den Bach runter und ich bin froh, dass ich nun Sandalen anziehen kann. Als nächstes floppt der Gaskocher-Test, da ich keinen Windschutz dabei habe und kein Wasser zum kochen bringe. Halb so schlimm, wir haben noch genügend Zuckerstangen.

Grenchenberg. Blick Richtung Hasenmatt und Weissenstein

Weiter im Test haben wir einen neuen Schlafsack, zwei Matten und einen Biwaksack. Es geht ein ziemlich zügiger Westwind und ich komme von der Idee ab, den Biwaksack nur als Unterlage zu benutzen. Ich überlasse Remo den neuen warmen Schlafsack und wir legen uns beide in den relativ engen Biwaksack.

Unser Biwakplatz

Wind, Wolken und Sonne bieten ein grandioses Abendspektaktel und Remo kommentiert 20 Minuten am Stück, welche Formen und Gebilde er alles in den Wolken erkennt. Ich staune über seine Phantasie. Ein toller Tag geht zu Ende.

Abendstimmung auf dem Grenchenberg

Irgendwann nach 22:00 wird es dann ruhig und Remo schläft tief und fest. Ich bemerke, wie sich bereits Kondenswasser im Biwaksack bildet und stelle mich auf eine eher ungemütliche Nacht ein.

Grenchenberg – Weissenstein (Sonntag)

Mein Gefühl trügt nicht. Der Biwaksack ist eng, die Kondenswasserbildung gross und ich habe Mühe, Schlaf zu finden. Ich mache mir Sorgen, dass der Schlafsack so nass wird, dass er nicht mehr isoliert. Wenn ich mich drehen will, habe ich Angst, Remo zu wecken, welcher zufrieden und ruhig schläft. Von der Vollmondnacht kriege ich leider nichts mit, weil mir der Mondstand nicht bewusst ist. Die Wolken haben sich inzwischen vollständig verzogen und morgens um 3:00 Uhr bewundere ich den „Grossen Wagen“ über uns. Weitere Sternbilder kenne ich leider nicht und deshalb versuche ich wieder zu schlafen. Die Nacht steht für mich unter dem Motto „Gut gedöst ist halb geschlafen“. Ich bin froh, dass Remo anscheinend gut und ruhig schläft.

Morgenstimmung auf dem Grenchenberg

Um 6:00 Uhr erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen und ich schäle mich auch Schlaf- und Biwaksack. Es ist noch relativ kühl und ich will mich möglichst rasch auf den Weg machen. Remo möchte noch ein wenig liegen bleiben, lässt sich dann aber auch zum Aufbruch überreden. Wir packen unsere Sachen zusammen und weiter geht es, nun der Sonne entgegen. Der schlimmste Augenblick ist natürlich, mit den Blasen an den Fersen wieder in die Wanderschuhe rein.

Morgendliches Alpenpanorama vom Grenchenberg

Um 6:30 Uhr machen wir uns auf den Weg. Der erste Kilometer ist etwas harzig. Es ist kühl und die Muskulatur muss zuerst wieder warm und geschmeidig werden. Wir sind froh um die Jacken denn es ist zügig und die noch tiefstehende Sonne hat noch wenig Kraft. Die Strecke über die Wiesen auf dem Grenchenberg eignet sich aber super zum einlaufen.

Über die Weiden auf dem Grenchenberg

Nach zwei Kilometern wird es dann technischer und der Weg fordert Konzentration bei einigen ausgesetzten Stellen. Uns wird wärmer und die Jacken verschwinden im Rucksack. Ich bin froh, haben wir gestern schon 14 Kilometer gemacht und heute nur 10km bis zum Weissenstein. Der erste Anstieg auf die Stallflue steht an. Zwar nur 100 Höhenmeter, aber Remo findet es trotzdem nicht so toll.

Ich ermahne ihn zu Geduld und kurz nach 7:30 Uhr stehen wir dann bereit auf der Stallflue und können eine sensationelle Rundumsicht geniessen. Im Westen das Drei-Seen-Land, dann das Alpenpanorama, das Mittelland, unser Ziel den Weissenstein, die hinteren Juraketten und wohl bis Frankreich. Die Swisscom schickt mir auf jeden Fall schon mal ein sms „Willkommen in Frankreich“. Anscheinend ist das französische Netz stärker als das Einheimische.

Stallflue

Das Plateau der Stallflue haben wir bald überschritten und es folgen fast 100 Höhenmeter Abstieg. Obwohl wir schon fast die Hälfte der heutigen Strecke geschafft haben, ist dieser Abstieg mit Blasen an den Fersen etwas frustrierend. Folgt doch unmittelbar danach wieder ein Aufstieg von 140 Höhenmetern auf die Hasenmatt, den höchsten Punkt unserer Route.

Remo scheint meinen Frust zu spüren und fragt nach einem Restaurant für eine Pause. Wir stehen an einem entscheidenden Punkt unserer Wanderung. Entweder wir nehmen die „harte Tour“ über die Hasenmatt (ohne Restaurant) oder wir umgehen diese nördlich ohne Aufstieg und latschen dabei gleich noch an einer Bauernbeiz vorbei. Von der Beiz erzähle ich Remo nichts, überlasse ihm aber die Wahl, ob wir die Hasenmatt machen.

Er entscheidet sich für den Aufstieg und ich freue mich darüber, dass er mir diese Entscheidung abgenommen hat. Also wieder geduldig aufwärts. Wir benötigen 20 Minuten bis zu Gipfelkreuz, bei welchem es sogar ein Gipfelbuch gibt. Stolz schreiben wir uns da ein und machen anschliessend Pause. Es wäre jammerschade, wenn wir die Hasenmatt ausgelassen hätten.

Grandiose Aussicht von der Hasenmatt

Der Weissenstein ist nun schon gut erkennbar und da die „Höhepunkte“ vorbei sind, liegen nun noch 4.5 Kilometer „Fleissarbeit“ vor uns. Etwas Auflockerung bietet der Planetenweg, auf welchem wir schon sein dem Grenchenberg laufen. Wir treffen nun auch immer wieder Wanderer oder Biker an. Die Ruhe von gestern ist etwas vorbei.

Ich will möglicht rasch aus den Wanderschuhen raus und möchte deshalb etwas Gas geben. Remo hat aber keine Eile und will es lieber noch etwas geniessen und in Oberdorf einen Zug später nehmen. Er hat ja recht und so nehmen wir uns Zeit für die letzten Planeten und von der Sonne geht es dann auf die Sonnenterrasse.

Ziel Weissenstein erreicht

Wir lassen unsere Wanderung bei Eistee, Kaffee und Nussgipfel ausklingen und geniessen nochmals den Ausblick übers Mittelland und in die Alpen. Ein sehr gelungenes Vater-Sohn-Projekt findet seinen Abschluss.

Morgenkaffee auf dem Weissenstein

Ausblick

Auf unserer Tour stehen wir nun an der Sprachgrenze. Die nächste Etappe führt zum Chasseral. Es bietet sich eine Doppeletappe bis zum Vue des Alpes mit Übernachtung auf dem Chasseral an. Überhaupt macht es Sinn, die weiteren Etappen wegen der recht umständlichen Anreise jeweils zu kombinieren. Bevor es mit Aarau-Genf weitergeht, steht aber der Abschluss von „Schweiz Nord-Süd“ an.

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