Jungfrau-Marathon 2016 / Hartes Lehrgeld beim Klassiker

Vorgeschichte

Zum Jungfrau-Marathon hatte ich ein ähnlich zwiespältiges Verhältnis, wie zum Swissalpine Marathon. Die beiden Rennen sind auch unter Lauf-Laien sehr bekannt und entsprechend wurde ich schon x-fach darauf angesprochen, ob ich denn da schon mal mitgelaufen sei. Da bringt es dann nicht, zu erklären, dass ich den Eiger Ultra viel interessanter, anspruchsvoller somit reizvoller finde. – Wenn du den Jungfrau-Marathon (oder Swissalpine) noch nie gelaufen bist, gehörst du einfach nicht dazu!

Die Scharte mit dem Swissalpine konnte ich ja dieses Jahr auswetzen (Bericht), da ich sich kurzfristig die Möglichkeit zur Teilnahme ergab. Beim Jungfrau-Marathon funktioniert das mit kurzfristig nicht, da die Startplätze anfangs Jahr jeweils sehr rasch ausverkauft sind. Allerdings war für mich nach dem Swissalpine klar, dass ich die Jungfrau-Scharte auch irgendwann mal auswetzen würde. Je eher, je besser war dabei die Idee. – Dass dies gleich in diesem Jahr noch geschehen sollte, war mir damals nicht bewusst.

In einem Gespräch mit meinem Lauf-Buddy und 10-fach Jungfrau-Finisher Markus Hauri (The Wayve / Swissman), stellte sich heraus, dass er einen Startplatz hatte, welchen er wegen einer hartnäckigen Verletzung nicht nutzen konnte. Der Startplatz war übertragbar und auf einmal war „Jungfrau-Marathon kurzfristig“ für mich möglich. Vom Zeitpunkt her zwei Wochen nach dem UTMB sicher nicht gerade ideal. Es ging ja aber vor allem mal darum, das Erlebnis zu geniessen und nicht um eine super Zeit. Meine Frau gab ebenfalls ihr okay und so stand meiner Teilnahme nichts mehr im Wege.

Vorbereitung

Da ich den UTMB ja nach 96km abgebrochen hatte, waren die Perspektiven auf ein gutes Ergebnis am Jungfrau-Marathon auf einmal wieder wesentlich besser. Da ich beruflich aber grad ziemlich eingespannt war, fehlte mir Zeit und Energie für viel Training. Ich bin aber ein paar Mal aufs Laufband und habe versucht, meine Beine etwas schneller als im Ultra-Marathon-Trott zu bewegen. Wie viel das gebracht hat, würde sich zeigen.

Meine Wunsch-Zielzeit habe ich mal mit knapp unter 5 Stunden festgelegt. Ich glaube aber nicht richtig dran, dass ich dies wirklich schaffe. Nach Studium der letztjährigen Rangliste, komme ich zum Schluss, dass ich die erste (flache) Halbmarathon-Distanz in ca. 1:50h laufen müsste und dann die zweite (steile) Hälfte in 3:10h. Das wäre also der Kriegsplan. Ob er die erste Schlacht übersteht, wird sich zeigen.

Erfreulicherweise begleiten mich Silvia und Markus Hauri ins Berner Oberland. Um 6:30 Uhr gehen wir in Olten auf den direkten Zug nach Interlaken. In Bern steigt nochmals eine ganze Ladung JM-Läufer ein. Kurz vor 8:00 Uhr treffen wir in Interlaken ein und es geht direkt zur Startnummernausgabe. Am Start stehen rund 4000 Läuferinnen und Läufer und für mich ist diese Masse etwas viel. Ich mag es kleiner und ruhiger.

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Guten Mutes vor dem Start

Das Wetter ist sensationell und es ist schon recht warm vor dem Start. Ich fixiere die Startnummer, ziehe den Pulsgurt an, tape die Brustwarzen und schmiere mich mit Sonnencrème ein. Noch 3 Gel’s in die Hosensäcke und dann bin ich bereit. Ich laufe heute ohne Laufrucksack, da die Verpflegungen aus meiner Sicht ziemlich eng stehen. Um 8:45 Uhr verabschiede ich mich von Markus und Silvia und stelle mich in die Startbox. Die Sektoren für die verschiedenen Zielzeiten sind nicht klar abgegrenzt oder ich sehe das jedenfalls nicht. Gefühlsmässig stelle ich mich recht weit vorne rein. Schlussendlich sehe ich, dass ich zwischen den Pacemakern für 4:30h und 5:00 stehe. Ich denke, wenn ich vor dem 5:00h bleiben kann, dann wäre das ja perfekt.

Erster Halbmarathon (Interlaken – Lauterbrunnen)

Pünktlich um 9:00 Uhr schickt uns Nicola Spirig mit einem Böllerschuss auf die Strecke. Zuerst eine 5km-Runde durch Interlaken. Alles flach, breite Strassen. Viele Zuschauer an der Strecke. Stadtlauf-Feeling. – Ich laufe eine Pace von 5:00 Min/km. Wie geplant. Fühlt sich auf den ersten Kilometern komfortabel an. Beim Bahnhof Interlaken Ost stehen Markus und Silvia an der Strecke. Das nächste Mal werde ich sie in Lauterbrunnen sehen.

Die Hitze das Tages ist bereits spürbar und ich trinke bei der ersten Verpflegung nach 5km einen Becher Wasser. Mein Puls liegt jetzt so bei 170. Pace immer noch um 5:00/km. Das ist alles im grünen Bereich und im Plan. Der 5:00Stunden-Pacemaker läuft nur wenige Meter hinter mir. Ich rechne mir aus, wenn ich bis zum Wengen-Anstieg in seiner Region bleiben kann, dann könnte das mit dem 5 Stunden-Finish klappen.

Wir kommen nach Bönigen und bis ganz an den Brienzersee. Dann geht es weiter über die Ebene entlang der Lütschine nach Wilderswil. Der Weg wird enger und es ist etwas ein Gedränge, was ich nicht so mag. Die Pace halte ich, allerdings steigt mein Puls jetzt bis 180. Das ist definitiv zu hoch und ich habe keine Erfahrung, wie lange ich das durchhalte. Ich weiss, dass es riskant ist, so schnell zu laufen. Ich nehme aber das Risiko in Kauf und hoffe, dass es sich auszahlt. Nach Lauterbrunnen, wenn es in die Steigungen geht, wird die Intensität dann automatisch tiefer und das müsste mir besser liegen. Vorher muss ich jetzt halt noch etwas leiden.

Die 10km-Marke in Wilderswil passiere ich nach 50:25. Genau im Plan, aber mit zu hohem Puls. Ich bin froh, als die Verpflegung kommt und nehme vorher einen Winforce-Gel aus meiner Hosentasche. Dann geht es weiter Richtung Gsteigwiler.

Ich stelle fest, dass mich der 5-Stunden-Pacemaker bei der Verpflegung überholt hat. Nicht dramatisch, ich will einfach nahe dran bleiben. Jetzt kommt aber die erste Steigung. Nur rund 60m Höhenunterschied, aber definitiv eine Steigung. In einem Ultra würde ich hier marschieren und auch heute möchte ich am liebsten marschieren. Ausnahmslos alle Teilnehmer um mich ziehen das hier im Laufschritt durch. Kein einziger marschiert. Das verunsichert mich etwas. Ich gebe mir also keine Blösse und jogge ebenfalls durch. Der Puls geht bis 187. Volles Risiko.

Ab Gsteigwiler bis Zweilütschinen ist es dann wieder flacher. Mein Puls bleibt aber bei 180 kleben und geht nicht mehr viel tiefer. Die Landschaft ist super, ich kann sie aber nicht geniessen, da ich mit mir selber kämpfe. Immerhin schon 15km geschafft. Mehr als ein Drittel der Strecke. Zum Glück hatten wir hier etwas Schatten und mussten nicht an der prallen Sonne laufen. Trotzdem bin ich froh über die nächste Verpflegung, mein Rucksack mit dauerndem Zugriff auf Flüssigkeit fehlt mir ein wenig.

Wie die Verpflegungsposten organisiert sind habe ich noch nicht kapiert und greife mir am ersten Tisch einen Becher. Das ist allerdings nicht Wasser, sondern Iso-Getränk. Das trinke ich normalerweise nicht. Da ich nun den Becher schon in der Hand halte, denke ich es wird wohl nicht schaden und schütte das Ding runter. Dann noch ein Becher e und weiter gehts.

Bis Lauterbrunnen sind nochmals rund 140 Höhenmeter zu bewältigen. Keine grosse Sache in einem Ultra. Wenn ich das aber voll durchjoggen soll, für mich anspruchsvoll. Grosse Belastung für meinen Kreislauf und meine Muskulatur. Ich merke, wie der 5-Stunden-Finish entschwindet. Und dann wird mir plötzlich schlecht. Ich muss ins marschieren wechseln. Soll ich dem Brechreiz nachgeben? – Nein, nicht hier bei diesen Teilnehmermassen, ich nehme es etwas gemütlicher und warte, bis sich das wieder gibt. – Statt Besserung wird es aber schlimmer und schlussendlich spucke ich bei Kilometer 17 das Iso-Getränk Richtung Lütschine. Shit happens! Mein Plan hat nun schon ziemlich angeschossen!

Während immer noch alle voll am Laufen sind, marschiere ich den grössten Teil bis Lauterbrunnen. Ich werde gefühlt von 1000 Leuten überholt. Eingangs Lauterbrunnen treffe ich dann Markus und Silvia. Ich halte kurz an und nehme noch einen Gel mit, dann geht es weiter. Die Kapseln gegen Übelkeit lasse ich bei Silvia im Rucksack.

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Eingangs Lauterbrunnen am marschieren. 🙁

20km geschafft. Verpflegung. Hier gibt es zum ersten Mal Bouillon und ich nehme mir einen Becher, da ich Krämpfe vermeiden will. Den Halbmarathon passiere ich nach ziemlich genau 2 Stunden. 1:50 war das Ziel. Also noch nichts verloren. Ich bin mir aber nicht sicher, ob und wie viele Körner ich noch im Speicher habe.

Zweiter Halbmarathon (Lauterbrunnen – Kleine Scheidegg)

Bis Kilometer 25 geht es nun flach auf einer Schlaufe durchs Lauterbrunnental. Super Wetter. Super Landschaft. Ein paar Gleitschirme am Himmel. Bergwelt zum geniessen! – Ich zwinge mich wieder in den Laufschritt um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Das funktioniert soweit und der Puls pendelt sich wieder in einem normalen Bereich ein. Ich bin froh, dass es besser geht und bin gespannt, wie es berauf funktionieren wird.

Leider währt die Freude nicht lange. Kurz vor der Verpflegung „Trümmelbach“ bei 22.8km, wird es mir auf einmal wieder schlecht und umgehend sehe ich den Bouillon-Becher wieder. Der 5:30Stunden-Pacemaker ist mittlerweile auch vorbeigezogen. Das Risiko mit dem schnellen Start hat sich nicht ausbezahlt. Mein Plan ist definitiv für die Mülltonne. Grad mal die halbe Strecke geschafft, der schwere Teil fehlt noch und ich bin körperlich und psychisch im Eimer.

Auf der Strecke zurück nach Lauterbrunnen überlege ich mir, das Rennen abzubrechen. Die Option wird aber schnell verworfen. Nach meinem Abbruch vor zwei Wochen am UTMB, kann ich nicht schon wieder vorzeitig aufhören. Sonst wird das zur schlechten Gewohnheit. Ausserdem ist ein erfolgreicher Finish ja noch nicht wirklich gefährdet. Nur die Zeit wird nicht so sein, wie ich mir gewünscht habe. Ich versuche mich etwas zu entspannen und einfach ruhig weiter zu machen. So komme ich zurück nach Lauterbrunnen, trinke an der Verpflegung nur etwas Wasser und gehe rein in die Steigung nach Wengen.

Und diese Steigung hat es wirklich in sich. Es ist brutal steil und ich vermisse meine Stöcke, welche hier verboten sind. Immerhin kann ich nun wieder das Tempo der Läufer um mich mitgehen. Es hat zwar schnellere, ich kann aber auch einige überholen. Es sind etwas 460 Höhenmeter bis Wengen. Im Prinzip eine Sache von 45 Minuten. Die ersten 100 Höhenmeter funktionieren dann auch gut. Es bleibt aber brutal steil und ich vermisse meinen Trail-Rucksack mit einer Wasserflasche. Ich merke, dass meine Waden zu Krämpfen neigen. Ein paar Serpentinen geht es noch gut, dann der abrupte Stopp. Beide Waden machen voll zu. Ich kann mich gerade noch an einem Zaunpfahl festhalten, nach vorne beugen und die Muskeln wieder aufzudehnen versuchen. Ich versuche wieder in den Schritt zu kommen, aber sobald ich einen Fuss anhebe und die Dehnung löse, verkrampft sich der Muskel augenblicklich wieder.

Ich kann die Situation fast nicht glauben. Da laufe ich Trail d’Absinth, Eiger Ultra, Swissalpine und mehr als die Hälfte des UTMB, ohne einen Krampf und nun stehe ich hier nach 27km und habe das Gefühl ich komme keinen Schritt mehr weiter. Und ich weiss nicht was machen. Ich habe weder Flüssigkeit noch meine Magnesiumpulver noch irgendetwas bei mir. Ich fühle mich total hilflos!

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Leidend im Aufstieg nach Wengen

Irgendwann geht es dann mit zaghaften Schritten wieder weiter. Ich habe das Gefühl, es dauert eine Ewigkeit bis zur nächsten Wasserstelle. Dort setze ich mich hin und trinke erstmal drei Becher Wasser. Währenddessen zieht der 6-Stunden-Pacemaker vorbei. Nun wird es wirklich bitter. – Ich bin mir nun auf einmal nicht mehr sicher, ob ich es überhaupt bis hoch zur Kleinen Scheidegg schaffe. Mit der Frage, ob es hier Cutoff-Zeiten gibt, hatte ich mich vorgängig auch nicht befasst. Ich habe also keine Ahnung, ob das auch ein Problem werden könnte. Wenn ich abbrechen müsste, hätte ich nicht mal ein Handy, um Markus und Silvia zu benachrichtigen. Üble Sache.

Ich mache mich wieder auf den Weg. Das steilste ist vorbei und ich bin froh, dass hier alle 250m eine Distanzmarkierung steht. So sind die (langsamen) Fortschritte sichtbar, was motivierend ist. In einem Ultra würde ich jetzt ein 20-Minuten-Powernap machen. Aber das kann ich hier doch nicht machen, wenn ich bereits hinter der 6-Stunden-Pace liege. Ich kann nur marschieren. Auch auf der Ebene und bergab liegt kein Laufschritt drin, da sonst die Waden direkt wieder krampfen. Dann kommt der Verpflegungsposten vor Wengen bei Kilometer 29.1. Ich trinke Bouillon und Wasser. Danach entscheide ich, einen schönen Schattenplatz zu suchen und doch ein Nickerchen zu machen. Einfach mal alles runterfahren und den Muskeln Gelegenheit zur Regeneration zu geben. Ich finde dann einen kleinen Rasenplatz im Schatten, stelle den Timer der Uhr auf 10 Minuten und lege mich hin. Dass mich wieder unzählige Läufer überholen ist mir jetzt egal. Es geht nur noch um mich und darum, auf eigenen Beinen ins Ziel zu kommen.

Schlussendlich stehe ich nach ungefähr 8 Minuten wieder auf und marschiere weiter. Psychisch hart für mich dann die Passage von Wengen. Während ich hier bei Eiger Ultra jeweils nach ungefähr 12 Stunden Laufzeit und 60 Kilometern in den Beinen locker durchjogge, muss ich heute vor hunderten Zuschauern durchmarschieren. Aber egal. Hauptsache es geht weiter.

Von Wengen bis Wixi finde ich dann einen guten Rhythmus. Rennen liegt nicht drin, da es aber meistens eh ansteigt, macht das nicht so viel. Ich bin nun wieder im Fluss der Läufer um mich. Das Panorama hier ist super und die Hitze nimmt mit der Höhe ab. Ich stelle mir vor, dass ich einfach auf einer Bergwanderung bin. Nur mein Rucksack fehlt mir. Ich hätte Lust auf einen Landjäger oder so. Ich nehme dankbar zur Kenntnis, dass sich die restlichen Kilometer an einer Hand abzählen lassen. Allerdings kann man die Läuferschlange hoch zur Moräne gut beobachten und ich weiss, dass dort hoch nochmals einen Kampf geben kann.

Runter zu „Wixi“ versuche ich nochmals zu joggen. Ich merke sofort, dass dies ein Spiessrutenlauf ist und die Gefahr von erneuten Krämpfen zu hoch ist. So marschiere ich wieder. Beim Verpflegungsposten nochmals Bouillon und Wasser. Ich setze mich kurz in den Schatten und stelle dabei erstaunt fest, dass die Läufer ab hier auf zwei Wege geschickt werden. Ich frage eine Sanitäterin, welches der richtige Weg sei. Die beiden Wege führen oben wieder zusammen. Ich frage welcher der kürzere sei. Sie meint das wäre ausgemessen und es spiele keine Rolle. – So entscheide ich mich bewusst für den rechten Weg, welcher gerade geschlossen ist. Somit habe ich zumindest 200m der Strecke für mich alleine, bis ich zuerst auf eine Norwegerin und nachher wieder auf die Läuferschlange auflaufe. Hier ist jetzt Singletrail angesagt. Das macht im Prinzip Spass. Allerdings nur wenn man „single“ unterwegs ist. Wenn so viele Leute auf der Strecke sind, heisst es vor allem Einerkolonne, stockender Kolonnenverkehr und teilweise sogar Stau.

Fünf Stunden sind längst vorbei und ich wünsche mir, dass ich es wenigstens unter sechs Stunden schaffe. Spielt mir nun aber keine grosse Rolle mehr. Ich will einfach hoch auf die Kleine Scheidegg und dann möglichst Rasch eine Flasche Apfelschorle. Ich finde meine Leistung heute zwar peinlich, aber im Moment bin ich zufrieden und kann den Lauf geniessen. Das Tempo und somit die Intensität ist nun so tief, dass keine Gefahr mehr von Krämpfen besteht. Als dann die geteilte Strecke wieder zusammengeführt wird, wird es nochmals langsamer.

Hoch bis zur Moräne sieht es dann aus wie Montag Morgen vor dem Gubrist-Tunnel. Es ist vor allem warten angesagt. Zwischendurch ist noch ein Fotograf postiert und dort werden richtiggehend Einzelportraits angefertigt, was den Verkehrsfluss nicht gerade beschleunigt. Tja, selber Schuld! Wäre ich vor einer Stunde hier gewesen, wäre es wohl etwas flotter vorwärts gegangen.

Schlange beim Fotografen

Schlange beim Fotografen

Dann endlich auf der Moräne. Hier haben zwei Läufer nebeneinander Platz und ich kann noch ein wenig überholen, was meinem Selbstvertrauen gut tut. Am Dudelsackspieler vorbei und schon wieder runter von der Moräne. Ich versuche zu joggen, das ist aber immer noch etwas heikel. Dann der letzte Aufstieg zum höchsten Punkt der Strecke auf der „Loucherflue“. Ich gönne mir dort ein Stück Schokolade. Jetzt nur noch ruter ins Ziel. Nur noch 1.4 Kilometer. Meine Waden sind immer noch ziemlich „spitz geladen“ und ich kann nicht zu stark forcieren. Die letzten 300 abschüssigen Meter bis zum Zielbogen kann ich dann aber einigermassen sprinten. Nach 6:05h habe ich meinen ersten Jungfrau-Marathon geschafft. Ich bin mir sicher, dass es nicht mein letzter sein wird. Auch hier habe ich noch eine Rechnung (mit mir) offen und viel Optimierungspotential.

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Nach dem Rennen

Ich bekomme die Finisher-Medaille umgehängt suche nachher Markus und Silvia. Es ist mir peinlich, dass ich so lange gebraucht habe. Ändern kann ich es jetzt nicht mehr. Ich habe Durst und als nächstes verfügbar ist alkoholfreies Bier. Das tut gut. Dann weiter zur Abgabe des Zeitmesschips und zum Empfang des Finisher-Shirts. Welch böse Überraschung. Das Finisher-Shirt ist pink und das hässlichste, welches ich schon je erhalten habe. Ich finde dieses Shirt eine passende Bestrafung für meine Leistung. Der Versuch, das Shirt Markus als Dank für den Startplatz zu schenken, scheitert kläglich. Er meint, nun als er dieses Finisher-Shirt gesehen hat, ist er fast froh, dass er nicht gelaufen ist.

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Finisher-Shirt, ungetragen, günstig abzugeben!

Die Menschenmassen hier oben sind unglaublich. Es hat so viele Läufer und Betreuer, dass man fast die Asiaten nicht mehr sieht. Für mich geht es weiter zum Duschzelt. Für mich immer wieder eindrücklich, wie heisses Wasser für so viele Leute bereit gestellt wird. Die Füsse sind in Ordnung, keine Blasen oder sonstige Blessuren. Die Beine fühlen sich auch wieder gut an.

Wir haben noch ein paar Minuten bis der Zug runter nach Grindelwald fährt. Also zum Grillstand und Cervelat und Apfelschorle holen. So sieht das Leben doch gleich wieder viel freundlicher aus. Dann kommt der Zug und wir erwischen zum Glück Sitzplätze. Auf der Heimreise haben wir einiges zu diskutieren. Ein toller Tag mit unzähligen bleibenden Erinnerungen neigt sich dem Ende zu!

Fazit

Tja. Ich würde mal sagen das war meine schlechteste läuferische Leistung ever! – Dieses Resultat beschäftigt mich mehr, als das „DNF“ beim UTMB.

Wieso ist es dazu gekommen? – Ich werde immer wieder gefragt, wie fit man denn sein muss, um einen Ultra zu finishen. Der Punkt ist nicht die Fitness oder der Trainingsumfang. Wichtig ist, dass man eine gemäss Leistungsvermögen nachhaltig mögliche Pace anschlägt. Nie zu schnell laufen, immer etwas Reserve behalten. – Und genau das habe ich hier vernachlässigt. Ich bin viel zu schnell gestartet und habe meine Reserven schon vor 20 Kilometern angetastet oder sogar ganz verheizt.

Susanne Nau sagt immer: „Die erste Hälfte muss sich locker anfühlen!“ – Wenn die zweite Hälfte viel anspruchsvoller ist als die erste, würde diese Weisheit erst recht gelten. Was auch passt: „Was man am Anfang zu schnell läuft, verliert man hintenraus mehrfach!“

Meine Zeit finde ich wirklich peinlich. Insbesondere, wenn ich sehe, dass ich den K78 mit einer höheren Durchschnittspace gelaufen bin. Ich werde zurück kommen und den Jungfrau-Marathon mit mehr Verstand angehen.

Als nächstes steht der Luzern-Marathon Ende Oktober an. Da werde ich es definitiv vorsichtiger angehen lassen!

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5 Kommentare zu Jungfrau-Marathon 2016 / Hartes Lehrgeld beim Klassiker

  1. Heinz 14. September 2016 um 8:23 #

    Ist doch nicht schlimm. Sei froh, dass Du überhaupt laufen kannst und darfst – das ist mir im Moment nicht vergönnt 🙁
    T-Shirt ist übrigens schön, nicht? XL? Dann nehm ich es 🙂
    Gruss und bis zum nächsten Eiger Ultra
    Heinz

    • Martin Hochuli 14. September 2016 um 8:57 #

      Hoi Heinz

      Du hast schon recht, dass man dankbar sein soll, überhaupt teilnehmen zu können. Ich denke es ist immer eine Frage der Perspektive. Wenn man verletzt ist, wäre man glücklich überhaupt laufen zu können. Wenn man laufen kann, möchte man schneller/weiter laufen können. Usw.

      Ich wünsche Dir eine rasche und vollständige Genesung!

      Herzliche Grüsse
      Martin

  2. Gut Rolf, Riken 14. September 2016 um 11:14 #

    Hoi Heinz

    Erst mal Gratulation fürs Finishen. Ich habe mich köstlich über Deinen ehrlichen und spannenden Bericht über den JFM amüsiert. Bei mir gings mit dem T-Shirt noch amüsanter zu, denn ich hab die Dame beim Überreichen der Shirts gefragt, wo denn die Ausgabe der Herren sei? Beim Heimfahren gab es lauter Witze über die hässliche Farbe. Wir waren uns dann einig, dass wir nächstes Jahr uns als Helfer anstellen lassen, denn diese Shirts waren immerhin einen Hauch schöner.

    Gruss eines langsameren BLK
    Rolf

  3. Bruno 26. September 2016 um 21:24 #

    Salü Martin
    Zuerst Gratulation zum Finish 👏😊
    Nach diesen Zwischentiefs mit Erbrechen eine tolle Leistung!
    Vermutlich ists nicht nur ein Anfängerfehler bezüglich der Anfangspace – vermutlich sind die UTMB-Kilometer doch noch nicht ganz verdaut gewesen …
    Die 5h Limite liegt bestimmt in deiner Reichweite (du bist schliesslich deutlich schneller als ich …), ich habe dies vor einigen Jahren auch geschafft …
    Aber das mit der Menschenmasse habe ich gleich empfunden, für mich ist eine Teilnahme kein Thema mehr …
    Sportliche Grüsse von einem gut ausgeruhten UTMB’ler (ich geniesse meine trainigsfreie Zeit)
    Bruno

    Vermutlich stehe ich in Luzern irgendwo am Strassenrand und werde dich anfeuern (wenn ich dich in der Masse sehe …)

    • Martin Hochuli 27. September 2016 um 9:02 #

      Hallo Bruno

      Um unter 5h Stunden zu kommen, müsste ich wohl mal ein wenig auf Geschwindigkeit trainieren. Ich werde das sicher in Zukunft mal probieren.

      Betreffend UTMB will ich mich für nächstes Jahr wieder anmelden. Ich gehe davon aus, beim ersten Mal keinen Startplatz zu bekommen. Ich werde versuchen, 2017 die notwendigen Quali-Punkte zu ersetzen, damit ich mich für 2018 auch anmelden könnte. – Nach wie vor habe ich den Abbruch nicht bereut. Einmal im Leben will ich aber in Chamonix einlaufen. 🙂

      Herzliche Grüsse
      Martin

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