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Trail de l’Absinth – „Creux du Van“ zum Frühstück

Die Vorgeschichte
Von einem Kollegen hatte ich zum ersten Mal vom Trail de l’Absinth gehört. Er hatte von der tollen Landschaft und Atmosphäre geschwärmt. Höhepunkte dabei sind sicherlich die Passage beim „Creux du Van“ und später der „Chasseron“ mit 1606müM der höchste Punkt der Strecke. Bei der Planung für diese Saison, hat sich dann gezeigt, dass der Lauf erfreulicherweise ideal reinpasst. Einen Monat vor dem Eiger Ultra Trail ist es ein guter Testlauf, welcher zudem 2 UTMB-Quali-Punkte gibt. Also ohne zu zögern gleich angemeldet.

Creux du Van im Morgenlicht

Die Vorbereitung
Meine Woche war bis am Freitag Abend irgenwie ziemlich gefüllt. So hatte ich mich gar nicht richtig mit dem Rennen auseinandergesetzt. Der Start ist am Samstag Morgen 7:15 Uhr angesetzt, das heisst ich muss um 4:15 Uhr bei mir wagfahren, um noch genügend Zeit für Startnummer abholen etc. zu haben. Am Freitag Abend dann also wie im Militär die Übung „Null“:

Dabei merke ich, dass mir die Snickers-Riegel fehlen. Da der Ladenschluss schon vorbei ist, rettet mich wieder mal der Tankstellenshop.

Ich versuche mir eine Marschtabelle zu erstellen. Ich kann die Strecke aber nicht richtig einschätzen. Die steilen Steigungen sind in etwa klar, bei den Downhills kommt es aber stark drauf an, wie einfach das Terrain zum laufen ist. Schlussendlich glaube ich, dass ich für die 74km und 2900 Höhenmeter (postiv+negativ) gegen 11 Stunden benötigen werde.

Meine Ziele für dieses Rennen:
1.) Erfolgreich finishen und somit 2 UTMB-Quali-Punke holen
2.) Langstrecken-Test der Ausrüstung im Hinblick auf den Eiger Ultra Trail
3.) Langstrecken-Test von Martin im Hinblick auf den Eiger Ultra Trail
4.) Mein französisch Kenntnisse aufbessern

Die Anreise
Um 3:30 Uhr will ich aufstehen. Kurz vorher erwache ich und drehe mich nochmals in Erwartung des baldigen Weckersignals. Irgendwie kommt das dann nicht und um 3:48 Uhr stehe ich trotzdem auf und stelle fest, dass ich Dödel den Wecker auf 4:30 Uhr gestellt habe. (Es sollte nicht das letzte Problem mit Uhren sein heute). Nun also fix meinen Körper tapen (Schlüsselbeine wegen Rucksack, Brustwarzen, Rücken im Bereich des Hosenbunds, innere Seite der Fersen). Rasch eine Schale Cornflakes einwerfen und dann Ausrüstung ins Auto und los. Auf der Anreise genehmige ich mir noch zwei Brötchen und einen Emmi Caffè Latte.

Der Vollmond steht noch hoch am Himmel und im Osten kündigt sich mit einem orangen Schimmer ein sensationeller Tag an. Als ich Richtung Autobahn fahre, grüssen mich meine 3 Sendemasten „Engelberg“, „Frohburg“ und „Wasserfluh“ mit ihren Blinklichtern. Dort haben meine Frühlings-Trainings stattgefunden. Hab ich wohl genügend trainiert, um heute zu finishen?

Auf der Autobahn nach Solothurn merke ich, dass genau jetzt der Bieler 100km-Lauf stattfindet. Mit warmen Temperaturen und Vollmond natürlich eine sensationelle Nacht. Letztes Jahr dieser Lauf mein Saison-Höhepunkt. Dieses Jahr will ich aber auf Trails laufen. Die flachen Sachen reizen mich nicht wirklich. Um 5:00 bin ich in Biel. Der Sieger wird wohl in wenigen Minuten einlaufen, während die hintersten Läufer noch nicht mal die Hälfte geschafft haben.

Weiter geht es dem See entlang Richtung Neuenburg. Auch hier steigen wieder Erinnerungen hoch. Das einzige Rennen, welches ich schon zwei Mal gelaufen bin, ist der Ultra Marathon Bielersee. Letztes Jahr ging es gut, dieses Jahr wollte ich zu viel und musste dafür leiden. – Ich schwelge in Erinnerungen, als ich ganz abrupt vom Kanton Bern mit einer spontanen Blitzaktion wieder in die Realität zurückgeholt werde. So wird es vom heutigen Tag sicher wenigstens ein Foto geben, auf dem ich entspannt aussehe!

Bei der Einfahrt ins Val de Travers dann der erste Blick auf den Creux du Van im Morgenlicht. Dort oben werde ich in wenigen Stunden stehen.

Das Sportzentrum von Couvet finde ich ohne Probleme. Parkplätze gleich daneben hat es auch genügend. Ich bin froh, dass ich gleich Toilettendrang habe, dann ist das vor dem Start auch noch erledigt. (Im wahrsten Sinne des Wortes ist es nämlich „Scheisse“, wenn dieser Drang erst 10 Minuten nach dem Start auftritt.)

Kurz nach 6:00 Uhr hole ich meine Startnummer ab. Neben zwei Zeit-Chips bekomme ich das Finisher-Shirt, ein Badetuch, ein Energie-Gel, ein Waschmittel-Muster, Touristik-Infos und sogar eine Mini-Flasche-Absinth. Wenn das mal kein Vollpaket ist. Ich  setze mich wieder ins Auto, stelle den Iphone-Wecker auf 6:50 Uhr und döse noch etwas vor mich hin.

Das Rennen (Part 1)
Diesmal klappt es mit dem Wecker. Ich mache mich rennbereit und begebe mich in den Startbereich. Ich bin recht knapp dran und merke erst jetzt, dass es noch eine Kontrolle der Pflichtausrüstung (Becher, Trinkflasche 5dl, Handy, lange Ersatz-Kleidung, Notfalldecke) gibt. Diese wird speditiv durchgeführt und einem pünktlichen Start steht nichts mehr im Wege.

Betreffend Ausrüstung will ich heute insbesondere die Batterie-Laufzeiten von Handy und GPS-Uhr testen. Für den Eiger Ultra Trail rechne ich mit einer Laufzeit zwischen 20 und 24 Stunden. Das Handy muss dabei aus Sicherheitsgründen  unbedingt durchhalten und deshalb schalte ich dort alle nicht notwendigen Dienste (mobile Daten, WLAN, Bluetooth, GPS) aus. Bei der Garmin Fenix will ich auf die GPS-Funktionen verzichten, dafür die Herzfrequenz-Anzeige nutzen. Ich weiss aber nicht, wie lange damit der Akku hält. Das will ich heute testen.

Ich reihe mich ziemlich hinten im Startfeld ein. Die ersten 8 Kilometer sind flach und ich will da bewusst langsam angehen. Pünktlich um 7:15 Uhr fällt der Startschuss. Ich starte die Stoppuhr und shit happens, die GPS-Funktion der Uhr wird automatisch gestartet. Also GPS wieder aus, doch dann wird die Aktivität abgebrochen. Toll, das Rennen dauert gerade mal 30 Sekunden und der erste Test ist schon gefloppt. Ich stelle die Uhr auf GPS-Ultracs-Modus. So wird der Track aufgezeichnet und die Stoppuhr funktioniert. Leider wird aus Energiespargründen die für mich so wichtige Herzfrequenz nicht angezeigt.

Technischer Schnickschnack hin oder her, gelaufen wird eh mit den Beinen (und später auch ein wenig mit dem Kopf). Als weiterer Ausrüstungstest, habe ich mir mal die Trekking-Stöcke am Rucksack befestigt. Obwohl sie mit meinem Hinterkopf ab und zu leicht berühre, bin ich froh, dass ich sie nicht in den Händen halten muss. Insbesondere da es zu Beginn noch etwas eng zu und her geht, ist das einfacher.

Ich versuche mein Tempo zu finden und mich nicht mit der Masse mitreissen zu lassen. Meine angestrebte Pace von rund 6Min/km kann ich leider nicht kontrollieren, da die Uhr sie nicht anzeigt, da ich die Anzeige nicht so eingerichtet habe, da ich gedacht hatte, ich lauf ohne GPS. Die Herzfrequenz, welche eigentlich angezeigt werden sollte, wird nun infolge Energiesparmodus auch nicht angezeigt und ich habe auch hier keine Orientierung. Also „Blindflug“ trotz CHF 350.- Uhr am Handgelenk. Ich ärgere mich. – Ja ich weiss, ich hab gesagt es ist heute ein Ausrüstungstest. Ich wollte aber einen Langzeittest machen und nicht Sachen rausfinden, welche ich auch bei einem abendlichen Quartierspaziergang mit der Familie hätte entdecken können!

Anyway, die Landschaft ist tatsächlich toll und die ersten flachen Kilometer gehen zügig. Genau nach Plan bin ich nach rund 50 Minuten in Noiraigue am Beginn des Aufstiegs zum Creux du Van. Ich spüle den ersten Energie-Gel (Geschmacksrichtung Orange) runter, damit ich genügend Benzin für den Aufstieg habe. Dann die Stöcke vom Rucksack und weiter von Laufschritt in Marschschritt wechseln. Ich staune, wie viele Teilnehmer, den doch recht steilen Anstieg im Laufschritt angehen. Auf den ersten Metern ist es noch eine breite Forststrasse und ich kann einige Leute überholen. Dann geht es als Singletrail weiter und dadurch natürlich im Kolonnenverkehr.

Ich könnte sicher etwas schneller, das würde aber in dieser frühen Phase des Rennens keinen Sinn machen. Deshalb konzentriere ich mich vor allem drauf, keine Fehltritte zu machen und gleichmässig vorwärts zu kommen. Ich denke insbesondere beim Eiger Ultra Trail werde ich nur eine Chance haben, wenn ich sehr geduldig und dizipliniert ans Werk gehe. Fehler bezüglich Geschwindigkeit, Verpflegung oder Verletzung mag es da keine leiden. – Zurück ins Val de Travers mit den Gedanken. Die Pace stimmt und ich bin mit 30 Minuten Vorsprung auf meine Marschtabelle auf dem Soliat bzw. Creux du Van.

Einfach immer wieder beeindruckend die Landschaft hier!

Nach 700m Aufstieg, folgt nun ein langgezogener Downhill bis praktisch wieder auf Ausgangshöhe. Hier konnte ich im Vorfeld nicht gut abschätzen, wie schnell der zu bewältigen ist. Die Antwort habe ich rasch. Am Anfang geht es flott über grüne Wiesen, dann sogar über Asphalt-Strassen. Also grösstenteils eine Vollgas-Strecke mit einer 5Min/km-Pace. Ich habe etwas Angst, hier meine Fahrwerk (Muskeln/Gelenke) zu überlasten. Andererseits ist natürlich jeder „einfache“ Kilometer willkommen. Gegen Ende wird es dann noch etwas technischer beim Abstieg durch eine Schlucht. Hier braucht es eine gute Konzentration, um Fehltritte zu vermeiden. Das Teilstück schaffe ich mit einem Schnitt von über 11km/h und bin ca. 40 Minuten vor Marschtabelle in „Carrière à Motiers“. Am Verpflegungsposten fülle ich meine Flaschen, trinke etwas Cola und genehmige mir Petit Beurres und Schokolade.

Dann geht es an den zweiten grossen und diesmal langgezogenen Aufstieg zum Chasseron. ich freue mich darauf, denn die Aufstiege machen mir eigentlich immer am meisten Spass. Das Feld hat sich nun ziemlich aufgelockert und einige hundert Meter nach dem Verpflegungsposten ist zweigen zudem die Marathonläufer ab und die „Ultras“ sind ab nun unter sich. Ich komme mit einem anderen Läufer ins Gepräch. Er kommt aus Payerne und spricht gut Deutsch. Er hat den Trail d’Absinth schon mehrmals gelaufen und benötigt so gegen 10 Stunden. Eine Zeit unter 10 Stunden wäre auch ein super Resultat für mich. Es ist unterhaltsam, wenn man nicht alleine läuft, allerdings besteht auch die Gefahr, dass man sich aus falschem stolz an einen stärkeren Läufer „klebt“ und sich so überpaced. Wir unterhalten uns über geplante und bereits absolvierte Läufe. Als sich dann herausstellt, dass er UTMB-Finisher ist, lasse ich ihn bei nächster Gelegenheit ziehen. Mit solchen Leuten lege ich mich nicht an!

Der Aufstieg hier geht ordentlich zur Sache. Landschaftlich sensationell ist die Passage einer engen Schlucht.

Später wird es wieder offener und die Strecke führt über Weiden, Hochebenen und durch Wälder. Ich denke der Trail de l’Absinth ist wahrscheinlich einer der abwechslungsreichsten Läufe, welchen man in der Schweiz laufen kann. Für mich sehr wertvoll, dass ich lauftechnisch viel profitieren kann. Insbesondere beim Einsatz der Trekking-Stöcke lerne ich viel dazu.

Ich muss mich immer wieder zwingen, dass ich nicht in den „Race“-Modus falle und versuche andere Läufer einzuholen oder nicht überholen zu lassen. Das Rennen ist noch lange und es bringt nicht, sich auf irgendwelche Scharmützel einzulassen. Eigene Pace gehen, genügend Essen und Trinken, sich nicht verletzten, konstant vorwärts kommen. Diese Punkte gilt es einzuhalten, dann kommt das Ziel automatisch näher. – Die Wetterbedingungen sind ideal heute. Es ist sonnig und warm, Quellwolken bieten aber ab und zu Schatten und ein leichter Wind bringt Kühlung.

Kurz nach Mittag erreiche ich auf dem Chasseron den höchsten Punkt der Strecke. Es ist etwas dunstig, die Aussicht auf den Neuenburgersee aber trotzdem überwältigend. 40km in knapp 5h gelaufen. Bis jetzt tiptop und für mich schaue ich das etwa als Halbzeit an. Ein Finish unter 10 Stunden ist möglich, wenn ich die Pace durchhalten kann. Nun gilt es aber die Konzentration auf den steilen Downhill nach Noirvaux zu bündeln.

Das Rennen (Part 2)
In den letzen Wochen hatte ich beim Laufen mit folgenden körpelichen Beschwerden zu kämpfen:
-Ziehen in beiden Hüften
-Schmerzen an der linken Fusssohle
-Ziehen in der Kniekehle links innen
-Verhärtung der linken Wade

Erfreulicherweise tritt heute von alledem bis jetzt fast nichts auf. Nur die Hüfte und die Kniekehle spüre ich zwischendurch ganz leicht. Mein Physio Manuel „Der Folterknecht“ da Silvia könnte doch recht haben, dass ich mehr Dehnen muss. Mein tägliches Dehnprogramm der letzten Wochen scheint anzusprechen.

Der Downhill geht nun aber ordenlich in die Knochen. Zudem werde ich von diversen Läufern überholt, was an die Motivation geht. Ich getrau mich aber nicht, hier mehr Gas zu geben. Das Terrain ist einfach zu wild und zu steil. Immerhin machen auch die Muskeln mit und ich habe noch keine Probleme mit Krämpfen. Schlussendlich sind die 550 Höhenmeter in gut 30 Minuten weg und ich bin froh, auch diesen Teil gemeistert zu haben. Mein nächstes Zwischenziel ist der Checkpoint in „La Côte aux Fées“. Dort gibt es eine Cut-off-Zeit, welche mich vor dem Rennen noch etwas verunsichert hat. Nun werde ich diese aber locker einhalten können. Nur noch über einen Hügel.

Der kurze Anstieg geht gut. Auf dem schnellen Flachstück durch den Wald dann die erste körperliche Friktion: Beim Sprung über eine Wasserpfütze haut es mir einen Krampf in den hinteren Oberschenkelmuskel links. Also anhalten und dehnen. Dabei werde ich von einer attraktiven Mittvierzigerin im roten Renndress überholt. Auf Ihr „ça va?“, grunze ich „Oui, oui, pas de problème“. „Ich habe den Krampf im linken Oberschenkel und könnte eine Massage gebrauchen“, fällt mir spontan auf französisch einfach nicht ein. Tja, die restlichen 30km könnten hart werden. Da der Rhythmus nun grad eh gebrochen ist, entscheide ich mich für eine „petite pause derrière un sapin“, bevor der Wald und somit die Sapins fertig sind. Nachher bin ich erleichtert und bereit, den Rest in Angriff zu nehmen.

Bei der Verpflegung in „La Côte aux Fées“ bekomme ich mit, dass hier Läufer aufgeben. Diejenigen welche hier rumsitzen, sehen auch nicht so frisch aus. Mein Gefühl der Erleichterung hält immer noch an und ich vergesse prompt, meine Flaschen zu füllen. Ich bemerke den Fehler wenige 100m nach der Verpflegung, als die erste Flasche leer ist. Da ich in 5 bis 6 km die nächste Verpflegung erwarte, sehe ich die Sache noch nicht so eng.

Der Rückweg nach Couvet ist ein topographisches Auf und Ab. Wiesen und Wälder wechseln sich ab. Hier habe ich keine Marschtabelle mehr, da ich die mögliche Bewegungsgeschwindigkeit nicht einschätzen konnte. Ich bin seit fast 7 Stunden unterwegs und eine Endzeit unter 10 Stunden kann immer noch drin liegen. Ich genehmige mir wieder mal einen Energie-Gel (Apfel) und oh Schreck, ich kann diesen grad noch runterspülen, danach ist auch die zweite Flasche leer. Bei Kilometer 55 erwarte ich die Verpflegung. Leider fehlt genau dieser Posten und eine nette Frau verweist auf die nächste Verpflegung in 5km. Super, das heisst ca. 45 Minuten auf dem Trockenen laufen. Ich hätte sogar Lust auf ein Snickers, glaube aber daran zu ersticken, wenn ich nichts trinken kann dazu.

Die Strecke geht leicht abwärts durch den Wald. Vor mir eine ältere Läuferin, welche sich tapfer wehrt, dass ich sie nicht überholen kann. Schlussendlich bin ich aber leicht schneller. Auch sie wartet auf die Verpflegung und fragt mich, wann diese komme. Es dürften nur noch 2-3 km sein. Ein super Trail durch den Wald. Mit etwas Wasser hätte ich aber durchaus mehr Genuss. Dann endlich der Verpflegungsposten bei km 59! Flaschen füllen, Cola trinken, Apfelschnitze fassen und dann sofort weiter. Die ältere Läuferin war schneller als ich, ich hole sie aber bald wieder ein. Dann kommt das 60km-Schild. Seit Kilometer 20 haue ich bei jeder 5-km-Markierung mit dem Stock dran. Bringt nicht viel, tönt aber lustig und macht aber Spass! Will ich unter 10 Stunden bleiben, muss ich die restlichen 15km in unter 2 Stunden schaffen. Das gibt eine ziemliche Punktlandung.

Für mich erstaunlich, gibt es immer noch viele Positonswechsel. Ich überhole jemanden in der Fläche und er überholt dann aufwärts wieder. Oder ich überhole jemanden aufwärts und er holt mich dann abwärts wieder. Oder einer rennt bergauf an mir vorbei, sitzt dann aber bei der Verpflegung ab und ich passiere ihn dort wieder. Das kannte ich vom Irontrail oder Sardona-Trail so nicht. Ich versuche nicht wieder in den „Race“-Modus zu fallen und einfach meine Tempo zu gehen.

Die Strecke bleibt sensationell schön und abwechlungsreich. Zudem ist sie top-markiert und es ist fast unmöglich, sich zu verlaufen. Das habe ich an anderen Orten schon anders erlebt. Das Rennen kann im Internet verfolgt werden, da die Passage der einzelnen Kontrollposten live aufgeschaltet wird. Ein grosses Lob an die Organisation an dieser Stelle.

Erstaunlich für mich, dass nach 65km ein Läufer wie ein Rehlein im Walde an mir vorbeiläuft und mich einfach stehen lässt. Wenig später in einem technischen Downhill dann auch ein Läufer in auffallend grünem Dress, welchen ich im letzten Kiesweg-Downhill noch locker überholt hatte, weil er anscheinend grosse Schmerzen in den Füssen hatte. Mir egal, ich lauf mein Rennen.

Ich ziehe einen letzten Energie-Gel aus der Tasche. Die vielversprechende Geschmackrichtung „Tropical-Fruit Mango-Passion“ tönte im Laden vielversprechend. Schon bei einem Test im Training, musste ich aber feststellen, dass der Gels einen gewöhnungsbedürftigen sauer-bitteren Geschmack hat. Konkret zieht es mir jedesmal die Arschbacken zusammen, wenn ich so ein Ding konsumiere. Um mich nun für den „Endpsurt“ vorzubereiten, kann das aber nicht Schaden. Zudem hat es 50mg Koffein drin, was ungefähr einem doppelten Espresso entspricht und den zusätzlichen Kick geben soll.

Statt der 70km-Tafel kommt dann die -5km-Tafel. Ab nun wird rückwärts gezählt. Ich hab das „grüne Männchen“ wieder eingeholt und klemm mich am letzten kurzen Anstieg an seine Fersen.

Oben angekommen geht im Wald flach auf einem flockigen Singletrail. Erinnerungen an den Ho-Chi-Min-Pfad in Biel kommen auf. Auch dort habe ich mich letztes Jahr an die Fersen eines leicht langsameren Läufers geheftet. So kommt man gut voran, ohne sich total verausgaben zu müssen. (Tipp für Fortgeschrittene: Wenn hübsche Damenwaden vorneweg laufen, funktioniert es in der Regel auch, wenn die Dame leicht schneller ist.) Es kommt so etwas wie Runner’s high auf. (Und das bereits nach einer kurzen Strecke von so gut 70km)
Als es dann nochmals ganz leicht aufwärts geht, lasse ich beim „grünen Männchen“ wieder abreissen. Wir werden uns nochmals sehen!

Die letzten Kuhweiden liegen hinter mir und es geht nochmals über eine Asphalt-Strasse zur letzten Verpflegung. Ein Becher Cola, dann weiter. Nun gehts nur noch abwärts bis ins Ziel. Irgendetwas passiert nun mit mir. (Ist es das Koffein oder einfach Stalldrang?) Auf jeden Fall nehme ich den Downhill in Angriff als gäbe es kein morgen. Der Trail erinnert mich an den Abstieg beim 1000er-Stägli und da habe ich ja nun wirklich genügend trainiert! Ich überhole rasch zwei Läufer und laufe dann (siehe da) aufs „grüne Männchen“ auf. Dieser will mich überholen lassen, ich winke aber ab. (Ich lege mir folgenden Satz zurecht, spreche ihn dann aber nicht laut aus: „Je te passe vingt mètres avent le fin!“) Als die Strecke ein paar hundert Meter später vom Singletrail auf breite Waldstrasse übergeht, ist es ums „grüne Männchen“ geschehen und ich lasse ihn stehen. Als nächstes taucht der „Rehlein-im-Walde“-Läufer vor mir auf. Auch ihn lasse ich stehen, wir er es vor 60 Minuten mit mir gemacht hat. Jetzt bin ich im absoluten „Race“-Modus und im Flow!

Hochs und Tiefs bei Ultras liegen aber eng zusammen. Bei der -3km-Tafel hüpfe ich über einen Graben und Krampf in beiden Oberschenkeln. Tja, Endspurt definitiv zu früh angezogen! – Doch nun stoppt mich nichts mehr. Der heutige Mann ist vorbereitet. Mit der Atemtechnik aus dem Geburtsvorbereitungskurs bekommen wir auch das in den Griff. Einatmen-pressen-ausatmen, einatmen-pressen-ausatmen. Passage der 2km-Tafel. Ich habe noch rund 15 Minuten für den 10h-Finish. Ohne weitere Krämpfe klappt das, mit Krämpfen wird es Scheisse. Ich komme aus dem Wald auf die Haupstrasse. Das passiere die Ortstafel von Couvet. Vorne sehe ich die 1km-Tafel. Hinten, oh Schreck, das „grüne Männchen“. Jetzt wird’s persönlich.

Die letzen paar hundert Meter durchs Dorf. Ich kann den Speaker beim Sportzentrum schon hören. Ich werde es schaffen! Unter 10 Stunden und vor dem „g. M.“! Die Feuerwehr stoppt mir den Weg über die Hauptstrasse frei. Ein roter Teppich wäre nicht besser. Dann Einlauf ins Stadion und unter dem Zielbogen durch. „Martin Hochuli, treizième de son catégorie“. Ich bin 30er geworden. Zeit 9:54:47.Die 2 UTMB-Quali-Punkte sind ebenfalls im Trockenen. Yess!

Das Danach
Ich lege mich auf die Wiese und mache einige Dehnübungen. Körperlich scheint soweit alles in Ordnung. Nur am rechten Fuss habe ich einen Schmerz hinter dem grossen Zeh, welchen ich nicht richtig deuten kann. Ich wechsle kurz die Kleidung und mache mich dann auf den Heimweg. Geduscht wird zu Hause. Auf der Heimfahrt fällt mir die Lösung für mein GPS-Problem ein. Ich muss einfach auf Modus „Im Gebäude verwenden“ stellen. Sag ich doch immer: Hast Du ein Problem, geh joggen und du hast nach spätestesns 10 Stunden die Lösung!

Die Fahrt verläuft ohne Probleme und vor allem ohne Blitzer. Zu Hause dann der spannende Moment beim Socken ausziehen. Erfreulicherweise keine Blasen oder fehlende Zehennägel. Die Zehensocken haben sich ein weiteres Mal bewährt. Der Schmerz am linken Fuss kommt anscheinend von einer Druckstelle des Schuhs. Für diesen Lauf kein Problem. Beim 24 Stunden Eiger Ultra Trail sieht das dann vielleicht etwas anders aus.

Lessons learned
– Geduld und Disziplin bringen den Finish
– Der Einsatz von GPS und HF-Messer ist noch unbefriedigend. Allerdings hat mir das GPS nicht viel gebracht und das Fehlen der HF war nicht besonders tragisch. Was mir wirklich geholfen hat, war die Höhenprofilkarte im Hosensack. Anhand dieser habe ich mich orientiert und das Rennen eingeteilt.
– Verpflegung und Flüssigkeitszufuhr dürfen nicht vernachlässigt werden. Je länger die Distanz, desto wichtiger dieser Faktor.
– „Treizième“ heisst 13. nicht dreissigster!

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