Run for Hope / Tag 5 / La Chavière – La Vachette

Datum: Di, 17.09.2019
Route: La Chavière – Termignon – Modane – Col de la Vallée Étroite – Col de l’Échelle – La Vachette
Brigitte’s Strecke: 73km
Anja’s Strecke: 45km
Anni’s Strecke: 55km
Martin’s Strecke: 25km

Tagwache ist heute um 6:00 Uhr. Anja, Silvia und ich fahren dann vor 7:00 Uhr mit dem Bus los. Wir wollen runter ins Tal nach Termingnon, wo wir auf gute Internetverbindung hoffen, um die Routenplanung überarbeiten zu können. Anni wird Brigitte zu Fuss ins Tal begleiten. 9 Kilometer sind es erst mal bis Termignon.

Morgendämmerung

Anni und Brigitte bereit für einen neuen Tag

In Termignon haben wir zwar Handyempfang. Die Datenverbidung ist aber nicht überragend. Wir merken schnell, dass die mobile Planung im Bus nicht richtig funktioniert. Silvia erkundet das Dorf und kann eine Pension ausmachen, in deren Bar wir uns einrichten können. Dort kriegen wir Kaffee und vor allem WLAN. Die Planung kann beginnen.

Während das Running-Team sich in Richtung Tal bewegt, …

… ist das Planungsteam hektisch am arbeiten.

Anja und ich versuchen auf Papier-Strassenkarten eine grobe Route zu finden und testen diese dann in Outdooractive und Komoot. Als ersten Fixpunkt legen wir Briançon fest. Nun gilt es den einfachsten und vor allem schnellsten Weg dorthin zu finden. Bis Briançon müssen wir eine Bergkette überqueren und es gibt verschiedene Möglichkeiten, über welchen Pass wir das tun können. Die Faktoren, welche es zu berücksichtigen gibt sind: Streckenlänge, Höhenmeter, Beschaffenheit des Weges und Supportmöglichkeiten.

Inzwischen sind auch Karin, Andrea und Chrige mit dem Womo in Termignon eingetroffen. Karin und Andrea behalten den Fortschritt der Läuferinnen im Blick. Chrige beteiligt sich mit ihrer Bike-Erfahrung am Planungsprozess. Wir sind unter Zeitdruck, denn wir wollen auf keinen Fall Brigitte stoppen müssen, da wir noch keine brauchbare Route haben. Die Komoot-App, auf welche Anja schwört ist wirklich praktisch. Nachdem man Start- und Zielpunkt eingegeben hat, kann man verschiedene Bewegungsmöglichkeiten (Rennrad, Mountainbike, Joggen, Wandern) wählen. Je nach Wahl werden andere Routen angezeigt. Bei Rennrad wird dann nur auf Asphaltstrecken geplant. Beim Wandern werden auch sehr technische Routen berücksichtigt. Nach einigem probieren haben wir das Gefühl, die ursprünglich geplante Route ab Modane über den Col de la Vallée Étroite sei die beste. Wir werden erst danach mit dem vereinfachen beginnen.

Brigitte und Anni sind inzwischen in Termignon eingetroffen und wollen gleich weiter. Ich begleite sie kurz ein paar Meter und versichere ihnen, dass sie nochmals 19 Kilometer auf der Route gemäss GPS-Track auf dem Garmin Etrex laufen können. – Wir werden nach Modane fahren und sie dort erwarten. Ich will dann gleich noch die Route bis Briançon planen und nachher ab Modane über den Col de la Vallée Étroite mitlaufen. Anja will auch in Modane wieder einsteigen. Anni könnte dann allenfalls aussteigen.

Anni-Style-Carbo-Loading!

In Modane findet das Wohnmobil den Treffpunkt für den Mittagshalt zuerst nicht. Es ist heute alles etwas hektisch und improvisiert. Die modernen Navigations- und Kommunikationsmöglichkeiten verleiten teilweise zusätzlich zu Spontanaktionen. Früher mussten die Sachen mit Zeit und Ort genau abgesprochen sein, sonst hätte man sich nie getroffen oder wiedergefunden. – Als wir Bus und Womo am richtigen Ort wieder zusammengeführt haben, plane ich noch die Route bis Briançon fertig und bereite den neuen Track vor, um diesen ins etrex zu laden, sobald Anni mit diesem hier ist. Meine Ausrüstung ist bereit, dass ich dann auch mitlaufen kann.

Kurz nach 11:00 Uhr treffen Brigitte und Anni dann in Modane ein. 28 Kilometer haben sie heute in 4 Stunden inklusive kurzen Pausen bereits zurückgelegt. Die Sache gewinnt an Geschwindigkeit. Gestern haben wir fast 7.5 Stunden für die ersten 28 Kilometer gebraucht. Heute war aber auch noch kein Pass drin, der folgt jetzt.

Die Übertragung des Tracks aufs etrex funktioniert nicht auf Anhieb, da das Datenkabel irgendwie Wackekontakt hat. Ich versuche es mehrmals und bin etwas verzweifelt. Dann kommt auf einmal der „Befehl“ von Brigitte, dass ihr die Planung bis Briançon nicht reicht. Sie will, dass ich heute nicht laufe und stattdessen die ganze Route bis Monaco fertig plane. – Ich spüre sofort, wie meine Stimmung in den Keller geht und ich (ich hoffe untypisch?) ärgerlich werde. Den Wunsch von Brigitte kann ich grundsätzlich schon verstehen. Sie will Sicherheit und Klarheit. – Aber wir haben heute Abend noch genug Zeit, die Route ab Briançon zu planen.

Mein Kopfkino beginnt zu drehen: Zuerst finden die Route alle super. Dann heisst es auf einmal es wäre ja von vornherein klar gewesen, dass es unrealistisch sei. Wir beginnen gemeinsam eine Alternative auszuarbeiten. Und nun soll ich wieder alleine planen, während die anderen über den wahrscheinlich letzten schönen Pass laufen. – Ich sehe mich schon, morgen in Briançon in den Zug zu sitzen und nach Hause zu fahren. So macht es mir keinen Spass. – Immerhin kriege ich endlich den Track aufs etrex und somit kann Anni die weitere Strecke navigieren. Die Pause wird heute kurz gehalten und nach 25 Minuten machen sich Brigitte, Anja und Anni wieder auf den Weg.

Die erste Enttäuschung legt sich und ich denke wieder rationaler. Schlussendlich bin ich hier, um Brigitte zu unterstützen, erfolgreich ans Mittelmeer zu kommen. Das Ziel ist immer noch erreichbar und ich weiss, dass Brige wissen muss, was sie erwartet, damit sie mit freiem Kopf und fokussiert vorwärts machen kann. – Ich starte also die Komoot-App und will damit mal einen ersten Versuch machen: Ich gebe Modane als Startort, Monaco als Zielort und Mountainbike als Aktivität ein. Die App rechnet ein wenig und spuckt einen Track aus: 269km, 6900 Höhenmeter, inklusive heute nur noch 3 grosse Aufstiege.

Ich traue meinen Augen zuerst kaum. Nach ein paar Minuten Routen- und Profilstudium und Überprüfung in der Outdooractive-App, bin ich mir sicher, dass dies unsere Erfolgs-Route bis Monaco sein wird. Planungsauftrag in 10 Minuten erledigt! Ich kann es kaum glauben und bin der Komoot-App super dankbar.

Die News werden gleich mit Chrige geteilt, die sich den Track auch anschaut und gut findet. Wir besprechen kurz den weiteren Plan: Ich will mit Silvia und dem Bus nach Valfréjus hochfahren und dort nach 7 Kilometern nochmals supporten. Allenfalls könnte ich dann Anni ablösen und über den Pass mitlaufen. Nächster Treffpunkt mit dem Bus ist dann nach dem Pass im Vallée Étroite. Chrige, Karin und Andrea fahren in die Region Névache und suchen dort einen Campingplatz. Der Camper braucht dringend Wasser und Strom und sollte Abwasser loswerden. Zudem fehlt uns immer noch ein neuer Schlauch zu Anni’s Bike.

Der Plan wäre eigentlich klar gewesen. Als die Läuferinnen dann in Valfréjus eintreffen haben wir aber die Situation, dass Anni ohne Probleme weiterlaufen kann und will, ich aber auch unbedingt zu Fuss über den Pass will. Nach ein paar Diskussionen lasse ich Silvia alleine mit dem Bus zurück und sage ihr, sie solle einfach das Womo suchen und nachher könne dann jemand mit ihr ins Vallée Étroite fahren um uns zu supporten. Ich mache mich mit den drei Frauen auf den Weg über den Pass.

Im Aufstieg zum Col de la Vallée Étroite

Es dauert keine halbe Stunde bis klar wird, dass ich mit meiner Ego-Entscheidung ein mittleres Betreuungs-Chaos angerichtet habe. Silvia steht mit dem Bus vor dem Tunnel nach Bardonecchia, welcher direkt vor ihr wegen technischen Problemen geschlossen wurde. Sie weiss nicht, ob/wann sie durch kann, was die Alternative Route wäre und wo/wann sie uns oder das Womo treffen kann. – Die Frauen im Womo stehen nach dem Tunnel und haben geplant den Nachmittag ohne „Läuferinnen-Support-Aufgaben“ fürs aufmunitionieren des Womos zu nutzen. Nun müssen sie irgendwie auf Silvia warten und den Support parallel organisieren.

Nach einem Telefon mit Silvia ohne viel Lob für mich, verbindet mich Brigitte mit Karin, welche mir auch nochmal die „Kappe wäscht“. – Meine Reaktion gleich in etwa der eines 5-jährigen Kindes, welches genau weiss, dass es einen Scheiss gemacht hat und aus Frust rumtrötzelt. Ich biete Brigitte an, morgen mit dem Zug nach Hause zu fahren, damit ich nicht weiter zur Last falle und Chaos veranstalte. Sie reagiert cool und souverän und meint, wir würden es alle gemeinsam nach Monaco schaffen.

Heute bin ich froh, als dann der Handy-Empfang abbricht und wir keine Verbindung mehr zu den Betreuerinnen haben. Ist grad besser für mich.

Brotzeit unterhalb des Col de la Vallée Étroite

An der Route gibt es nichts auszusetzen. Wieder mal wunderschöne Landschaft hier im Grenzgebiet von Frankreich und Italien. Gegen 15:00 Uhr sind wir auf dem Col de la Vallée étroite (2’434m). Zum ersten Mal auf dieser Reise treffen wir auf einem Pass andere Personen an.

Abstieg ins Vallée Étroite

Das Vallée Etroite entpuppt sich dann als Wanderparadies und es kommen uns regelmässig Leute entgegen. Das Wetter ist auch heute sensationell und wir hätten es nicht besser treffen können. Erst am Donnerstag ist eine leichte Störung angesagt, welche uns weiter südlich treffen könnte.

Wasser auffüllen am Bergbach

Ich habe zwar ein schlechtes Gewissen, bin aber trotzdem glücklich, hier dabei zu sein. Irgendwie habe ich das Gefühl, nach diesem Pass ist läuferischer Anspruch gestillt und für den Rest der Woche werde ich mehr als Supporter tätig sein. Heute Abend braucht es wohl noch eine Aussprache. (Oder Abreibung für mich.)

Schönste Trails, soweit das Auge reicht

Einen kurzen Schreckmoment haben wir, als Anja stolpert und umknickt. Zum Glück verletzt sie sich nicht. Prinzipiell ist es schon richtig, wenn man in diesem Gelände zu viert unterwegs ist. Falls jemand Probleme hat, können zwei Zweiergruppen gebildet werden, was sicherer ist, als jemanden allein zu lassen. Einfach vorher richtig absprechen wäre wichtig gewesen.

Ich habe nun ein sehr gutes Gefühl, dass wir Monaco bis Samstag erreichen können. Die Route ist zwar nicht viel kürzer als ursprünglich geplant. Sie hat aber weniger Höhenmeter und ist viel besser „supportbar“. Körperlich sind bis jetzt keine grossen Probleme aufgetreten und Brigitte kommt gut vorwärts. Schade ist, dass Anja durch die Ad-hoc-Planerei ein paar Kilometer verpasst hat und somit nicht die ganze Strecke am Stück absolviert hat.

Das tägliche Hunde-Bild

Als wir uns dann dem geplanten Treffpunkt für den Support nähern, werde ich etwas nervös, da ich nicht weiss, wer uns erwartet und wie die Stimmung sein wird. – Beim Refuge Terzo Alpini wartet Chrige auf uns. Die Belastung des heutigen Tages ist ihr anzumerken und mein Gewissen wird nochmals etwas schwerer. Heute kann ich es nicht mehr ändern, aber ab morgen will ich helfen das Support-Team zu entlasten, statt möglichst viel mitzulaufen.

Support im Vallée Étroite durch Chrige

Unabhängig von den Quereleien können wir festhalten, dass wir heute erfolgreich unterwegs sind. Es ist noch nicht 17:00 Uhr und Brigitte und Anni haben heute schon 50 Kilometer gemacht. Ab jetzt wird die Strecke einfacher und bis zum Eindunkeln sollten noch ein paar Kilometer drinliegen. – Gegenüber dem Track, welcher Anni auf dem etrex hat, habe ich inzwischen noch einen einfacheren Weg runter ins Val Clarée gefunden. Ich bespreche mit Chrige, dass ich deshalb bis runter ins Tal noch mitlaufen und navigieren werde. Danach schauen wir, wo der Camper steht und wie Brigitte, Anja und Anni dorthin kommen. Brigitte will heute spätestens um 21:00 Uhr Feierabend.  Nötigenfalls würde ich sie mit dem Bus einsammeln und morgen wieder an diesen Punkt zurückbringen.

Im Vallée Étroite

Wir laufen raus aus dem Vallée Étroite. Teilweise habe ich das Gefühl, ich befinde mich in Alaska und stelle mir vor, es könnte jeden Moment ein Grizzlybär aus den Bäumen auftauchen. Wir kommen gut vorwärts und Kilometer um Kilometer geht vorbei. Ein letzter Aufstieg von nicht ganz 200 Höhenmeter gibt es dann heute noch zu bewältigen. Oben wartet Chrige auf uns und schenkt nochmals Cola aus. Sie hat inzwischen einen geöffneten Campingplatz in La Vachette gefunden. Dort wollen wir die Nacht verbringen. Ab hier sind es noch 18 Kilometer bis zu diesem Camping. 4 Kilometer runter ins Val Clarée und dann 14 Kilometer praktisch flach auf dem Talboden. Tönt realistisch.

Die letzten Höhenmeter des Tages

Anni beendet ihren Tag mit 55 Kilometern auf der Uhr. Ich will Brigitte und Anja noch ins Tal runter lotsen und dort in den Bus steigen. – Die Strecke ist nun gut laufbar und wir kommen entsprechend rasch vorwärts. Ich fürchte mich noch etwas vor der Begegnung mit Karin. Es gibt aber nichts anderes, als es morgen intelligenter zu machen als heute.

In den Abendstunden Richtung Col de l’Échelle

Nach dem Col de l’Échelle folgen 200 Höhenmeter relativ steiler und technischer Downhill runter zum Talboden. Unten chillen Chrige und Anni in der Abendsonne. Es ist 18:20 Uhr, als ich meine Uhr stoppe und in den Bus steige. Brigitte und Anja laufen alleine talabwärts weiter. Wir werden sie beim Camping von der Strecke holen.

Hindernisse werden nach wie vor schwungvoll überwunden

Mit dem Bus geht es nach La Vachette und wir checken beim Camping ein. Der Camper ist auch bald da und ich kann mich persönlich bei Karin entschuldigen. Die Emotionen haben sich bereits gelegt und ich muss nicht den Zug nach Hause nehmen :-). Anni kümmert sich um die Wäsche. Andrea mit einem Lächeln ums ungeliebte Abwasser. Chrige steht in der Küche. Karin stellt sicher, dass die Geräte geladen werden und wir genügend volle Powerbanks für unterwegs haben. Ich lade die Route bis Monaco auf etrex.

Unsere Abwasser-Spezialistin Andrea

Nach 20:00 Uhr fährt Karin mit dem Bike den Läuferinnen entgegen und lotst sie zum Camping. Um 20:30 Uhr ist Feierabend und wir haben wieder mal Zeit für ein gemeinsames feines Nachtessen draussen vor dem Camper. Das Womo-Team hat am meisten zu erzählen. Auf dem Weg nach La Vachette wurden Karin, Andrea und Silvia von einem Tunnel mit zu geringer Durchfahrtshöhe gestoppt. Karin ist daraufhin mirakulös mehrere hundert Meter rückwärts gefahren, bis ein geeigneter Wendeplatz gefunden war. Sensationelle Leistung!

Brigitte läuft mittlerweile lieber auf Asphalt, Anja bevorzugt nach wie vor den Trail.

Nach dem Essen schauen wir gemeinsam die restliche Route bis Monaco an. Morgen Mittwoch wollen wir den zweitletzten Berg, den Col de Vars schaffen. Am Donnerstag mit dem Col de Raspaillon dann den letzten. Ab dort bleiben dann noch rund 120 Kilometer „abwärts“ bis Monaco. Das sollte bis Samstag Abend möglich sein. – Der heutige Tag ist organisatorisch nicht ideal gelaufen. Jedes Teammitglied hat aber  seinen Beitrag geleistet, so dass wir nun in einer guten Ausgangslage sind, um unser Ziel zu erreichen. Gemeinsam wachsen wir!

Tag 6: La Vachette – Saint-Paul-sur-Ubaye

 

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