Mikroabenteuer „Biwaktour Dielsdorf – Benkerjoch“

Vorgeschichte

Vor längerer Zeit haben wir das Projekt „Aarau – Genf“ gestartet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Route dem Nationalen Wanderweg Nr. 5 „Jura-Höhenweg“ folgt. Dieser beginnt in Dielsdorf und endet in Nyon. Nächster Gedanke also: Ich hätte in Dielsdorf starten sollen! Nach kurzem Routenstudium habe ich festgestellt, dass mir von Dielsdorf zum Benkerjoch rund 43 Kilometer fehlen. Was liegt näher, als diese bei Gelegenheit nachzuholen.

Trotz der Nähe zu meinem Wohnort führt die Route durch für mich recht unbekanntes Gelände. Ein interessanter Aspekt ist auch, dass meine Primarschulkameradin Irene inzwischen Pächterin des Restaurants Lägern Hochwacht ist. Da könnte ich gleich mal vorbeischauen. Und da ich diesen Sommer schon im Wander-/Biwak-Modus bin und es fürs Wochenende heisses Wetter ohne Gewittergefahr angesagt ist, will ich die Gelegenheit gleich nutzen. Ich bekomme von der Familie die Freigabe für den Freitagabend sowie den Samstagmorgen.

Um 16:30 Uhr ist Feierabend und nachher gibt es noch ein kurzes Feierabendbier. Den Laufrucksack habe ich vorgängig schon gepackt und so habe ich keine Probleme den Zug vor 18:00 Uhr zu erwischen. Über Aarau geht es nach Zürich. Als Nachtessen gibt es ein Chiliwurst-Hotdog am HB. Dann weiter mit der S15 nach Dielsdorf. Um 19:45 Uhr kommt der Zug dort an und meine Tour kann starten.

Die Route. 43 Kilometer von Dielsdorf über die Lägern nach Baden, weiter über Brugg, Bözberg, Linde von Linn, Staffelegg zum Benkerjoch.

Baden 4h. Das würde für mich dann Mitternacht bedeuten! 🙁

Dielsdorf – Gebenstorfer Horn

In der Planung hatte ich mir überlegt dass es ideal wäre, nach Brugg zu biwakieren und dann am Samstag noch eine Reststrecke von weniger als 20 Kilometern zu haben. Als ich nun den Wegweiser mit 4 Stunden nach Baden lese merke ich, dass ich wohl zeitlich schon wieder zu spät dran bin.

Ich starte die Uhr und mache mich an die rund 400 Höhenmeter Aufstieg zur Lägern Hochwacht. Nach den alpinen Aufstiegen von letzter Woche, machen mir die Höhenmeter nicht wirklich Sorge. Dafür ist es auch jetzt am späteren Abend noch ziemlich heiss. Der Schweiss fliesst recht schnell in Strömen. Rasch bin ich auch aus Dielsdorf raus und entlang von Rebbergen geht es höher. Nach einer Viertelstunde komme ich ins Städtchen Regensberg. Ich bin nicht gerade der Geschichtsfanatiker, aber die Stimmung in dieser Siedlung aus dem tiefen Mittelalter beeindruckt und überrascht mich. So etwas habe ich nicht erwartet.

Blick zurück nach Regensberg

Weiter geht es dann im Wald immer höher Richtung Lägeren Hochwacht. Die Sonne senkt sich schon bedenklich gegen den Horizont und ich merke, dass der längste Tag des Jahres schon anderthalb Monate zurück liegt. Meine Planung war wieder mässig sorgfältig und ich habe das Gefühl, eine Stunde früher zu starten, hätte mir Stress erspart.

Von der Lägern Hochwacht weiss ich, dass erstens Irene dort wirtet und zweitens, dass es eine Radarstation hat. Obwohl ein Fremdkörper in der Natur, finde ich solche grossen technischen Installationen immer irgendwie faszinierend. Ein paar Biker auf dem Heimweg von der Feierabendrunde kommen mir entgegen. Dass zwei davon bereits mit Licht fahren, ist nicht grad beruhigend für mich.

Skyguide-Radarstation Lägern Hochwacht

Um 20:30 Uhr bin ich bei der Radarstation, welche im Abendlicht erstrahlt. Es gibt viele Infotafeln, welche mich interessieren würden, ich aber aus Zeitgründen links liegen lasse. – Die Zeitnot erfordert auch eine erste unangenehme Entscheidung von mir: Soll ich im Restaurant einkehren und Irene grüssen, oder laufe ich einfach vorbei? – Ich ärgere mich über mich selber. Da freue ich mich auf ein Wiedersehen und habe mir vorgestellt, zumindest einen kühlen hausgemachten Eistee zu trinken. Und nun verhaue ich den Zeitplan so, dass ich mir eine Pause eigentlich gar nicht leisten kann. Wieso mache ich mir selber diesen Stress??? (Die Frage kann man wahrscheinlich häufig auch in den Alltag übertragen.)

Ich beschliesse, dass ich anhalten werde, wenn Fall 1 eintritt und ich Irene draussen auf der Terrasse direkt antreffe. Im Fall 2 (Irene ist nicht sichtbar und bemerkt mich somit auch nicht), laufe ich einfach vorbei. Auf jeden Fall will ich später mit der Familie mal zurückkommen und richtig einkehren!

Lägern-Hochwacht: Blick Richtung Zürich

Etwas angespannt biege ich also beim Restaurant um die Ecke. Ich ärgere mich zwar für diesen Gedanken, aber insgeheim hoffe ich, dass Fall 2 eintritt. – Also biege ich um die Ecke und eintreten tut: Fall 3: Irene ist nicht sichtbar, dafür ihr Bruder Markus und dessen Frau Ruth. Die erkennen mich natürlich sofort und ein wegstehlen ist unmöglich. Irene ist dann auch bald zu Stelle und die „Woher-wohin-wieso-jetzt noch?“-Runde geht los. Ich frage scheu, wie lange ich denn wohl bis Baden haben werde und die Locals (Irene und ihr Partner Urs) meinen, mindestens 2 Stunden müsste ich rechnen und zu dieser Zeit wäre das zu spät und zu gefährlich! –  Ich verspreche, bei nächster Gelegenheit auf die Hochwacht zurück zu kommen und dann auch einzukehren. Dann schiessen wir zur Sicherheit (falls sich der Grat tatsächlich als zu gefährlich herausstellen sollte) noch ein Erinnerungsfoto. Obwohl mich die Speckplatte auf dem Tisch auch sehr reizen würde, verabschiede ich mich um 20:40 Uhr. Der Grat ruft! Möglichst locker und souverän versuche ich davonzutraben.

Restaurant-Tipp: Einkehren bei Irene Bolliger auf der Lägern Hohwacht

Die Situation ist etwas speziell. Mir wird deutlich abgeraten, zu dieser Zeit noch über den Grat zu gehen. Wenn ich jetzt einen Unfall habe, dann heisst es: „Wir haben es ja gesagt! Es musste ja mal so kommen!“ – Das bremst mich einerseits etwas, auf der anderen Seite steigt natürlich der Abenteuer-Faktor. Jetzt ist es ein richtiges Mikro-Abenteuer! – Objektiv betrachtet schätze ich das Risiko als konotrollierbar ein. Es ist trocken, ich bin recht ausgeruht und fit, ich habe sicher durchgehend Handy-Empfang und es sind nur wenige Kilometer. Da bin ich schon unter ganz anderen Umständen unterwegs gewesen. Wenn ich sorgfältig und nicht zu schnell vorgehe, besteht wahrscheinlich wirklich keine allzu grosse Gefahr.

Der Grat ist dann einfach der Hammer! Ein super Trail! Ich komme richtig ins Fieber und glaube gar nicht, einen solche Strecke hier im Mittelland anzutreffen. – Anfangs kann ich noch recht viel joggen und komme gut vorwärts. Dann wird es technischer und ich bereue etwas, dass ich den Strassenschuh (Hoka Elevon) und nicht den Trailschuh (Hoka Speedgoat) an den Füssen habe.

Sensationeller Trail über den Lägern-Grat

Ich bin ganz alleine hier oben unterwegs und komme in einen richtigen Flow. Irgendwie erinnert mich die ganze Sache an den Abend im letzten September, an welchem wir mit Run for Hope Monaco erreicht haben. Das trockene Gestein, die Bäume und Büsche, die friedliche Abendämmerung, der warme Wind, die Ruhe auf dem Berg, die dicht besiedelten Gebiete unten am Berg. Ich bin wieder richtig in dieser Stimmung drin und geniesse das extrem.

Abendstimmung am Lägern-Grat

Bis zum höchsten Punkt dem Burghorn brauche ich knapp eine halbe Stunde. Soweit alles im grünen Bereich. Einzig meine Waden sind wieder etwas überlastet und ich merke, dass ich nicht viel Reserven bis zu Wadenkrämpfen habe. Ich werfe eine Salztablette ein und trinke. Meine Flüssigkeitsvorrat geht ziemlich der Neige zu und ich bin froh, dass ich in Baden sicher einen Bahnhofskiosk oder zumindest einen Selecta-Automaten finden werde, wo ich mich neu eindecken kann.

Nach dem Burghorn beginnt sanft der Abstieg. Bald bin ich auf dem Lägernsattel und muss entscheiden, ob ich vom Grat runter in die Nordflanke wechsle (Gelber Wanderweg) oder auf dem Grat bleibe (Roter Bergwanderweg vor dem ich gewarnt wurde). Ich setze die Stirnlampe auf und entscheide mich für den Grat-Weg. Eine Warntafel signalisiert, dass ab hier „Gute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit“ notwendig sind. Ich werde das einfach geduldig, sorgfältig und sicher hinter mich bringen.

Es wird dann tatsächlich richtig technisch. Teilweise vermisse ich meine Stöcke und teilweise meine Trailsohlen. Mit der notwendigen Geduld und Vorsicht ist es aber kein Problem. Wenn ich mit der Familie zurückkomme, werde ich aber den gelben Wanderweg für dieses Stück nutzen.

Lägern-Grat oberhalb Wettingen

Kurz vor 22:00 spuckt der Wald mich dann etwas unvermittelt aus und ich stehe beim Schloss Schartenfels. Von der Einsamkeit des Trails, in die Betriebsamkeit des Freitag-Abend-Ausgangs. Die Küchencrew des Restaurant Schartenfels macht gerade Rauchpause und auf der Terrasse hört man fröhliches Geplauder. Ich habe aber keine Zeit für Pause und will möglichst rasch zum Bahnhof.

Abendrot vom Lägern-Grat oberhalb Baden

Über Treppen geht es rasch runter zur Limmat, welche ich auf der alten Holzbrücke überquere. Dann noch ein paar hundert Meter entlang der Limmat bis zum Lift, welcher mich zum Bahnhof hochbringt. Der Bahnhofskiosk hat noch offen und ich kaufe einen Liter Eistee, sowie je einen halben Liter Cola und Apfelschorle.

Dann geht es weiter in die Altstadt, wo an diesem Sommerabend ziemlich viel Betrieb auf den Strassen ist. Ich komme mir mit Laufrucksack und Stirnlampe ziemlich deplatziert vor. Es nimmt aber niemand wirklich Notiz von mir und bald steige ich über Treppen hoch zur Burgruine Stein. Dort hat es noch ein paar Jugendliche, welche Party machen. Nachdem ich diese hinter mir gelassen habe, wird es wieder ruhig und ich bin allein unterwegs.

Rasch bin ich aus der Stadt und komme in den Wald Richtung Baldegg. Ich frage mich, wieso ich/wir eigentlich nicht mehr wandern gehen in solchen Sommernächten? Ist ein super Erlebnis. – Mittlerweile bin ich 2:45h unterwegs und habe etwa 15km geschafft. Ich will noch bis zm Gebenstorfer Horn kommen und dort biwakieren. So habe ich dann für morgen früh noch ungefähr 24km Restprogramm.

Bis zum Restaurant Baldegg steigt der Weg noch leicht an. Dann wird es flach oder geht ganz leicht abwärts. Als ich nach der Baldegg wieder in den Wald einbiege, läuft mir ein Dachs vor die Stirnlampe. Etwas erschrocken schlägt er sich rasch wieder in die Büsche. Einen Dachs habe ich schon lange nicht mehr gesehen. – Nächstes Tier ist eine ziemlich fette Kröte, welche mitten auf dem Weg sitzt. Auch sie scheint um diese Zeit selten Besuch zu haben.

Ich will rasch in den Schlafsack und wechsle darum auf einem schönen Waldtrail in den Laufschritt. Eine unglückliche Entscheidung, wie sich bald herausstellt. Unvermittelt liege ich auf einmal auf dem Bauch. Mit dem rechten Fuss an einem kleinen Wurzelstück angehängt und ansatzlos auf die Schnauze gefallen. Ich wundere mich etwas, denn bei den tausenden Kilomtern in den letzten Jahren, ist mir das sehr sehr selten passiert. – Ein paar kleine Schürfungen an Hand und Schienbein, sonst sind zum Glück keine Blessuren erkennbar.

Es ist Zeit für die Nachtruhe. Ich marschiere noch bis zum Gebenstorfer Horn und suche mir dann in einer frisch abgeholzten Lichtung einen Biwakplatz. Es ist kurz nach 23:00 Uhr und ich bin 3:15h gelaufen und habe 19 Kilometer geschafft.

Gebenstorfer Horn – Benkerjoch

Mein Nachtlager zeichnet sich durch einen angenehmen Harzgeruch, freien Blick auf den Sternenhimmel (inkl. Sichtung einer Sternschnuppe) und leider einer kleinen Mückenplage aus. Die Nacht ist nicht sehr erholsam. Dauernd summt es um meinen Kopf rum und ich versuche die kleinen Biester zu vertreiben oder umzubringen. Gestochen werde ich nie, aber dauernd gestört. Zudem ist der leichte Schlafsack, welchen ich mitgenommen habe, eng und irgendwie unbequem. Ich bin fast froh, als um 5:00 Uhr der Wecker geht und ich aufstehen kann.

Zusammengepackt ist rasch und um 5:10 Uhr geht es weiter. Runter nach Gebenstorf, wo ich an einem Brunnen meine Flüssigkeits-Vorräte auffülle. Die zwei Liter Getränke, welche ich in Baden gekauft hatte, sind schon fast wieder alle. Zwischen Gebenstorf und Brugg überquere ich dann die Reuss und wenige hundert Meter später bin ich bereits an der Aare.  Das Wasserschloss grüsst aus der Nähe!

Morgenstimmung an der Aare bei Brugg

Die Aare wird dann bei der Altstadt von Brugg überquert. Danach ein paar Höhenmeter hoch in den Wald und durch Umiken geht es Richtung Bözberg weiter. Die Morgenstimmung ist eindrücklich, wie gestern schon die Abendstimmung. Nach Umiken trifft mich dann der erste Sonnenstrahl von hinten.

Morgenstimmung im Aufstieg zum Bözberg

Wie gesagt, in dieser Gegend bin ich selten und es ist interessant, Neuland zu entdecken. Ein Fuchs auf dem Heimweg vom morgendlichen mausen kreuzt meinen Weg. Sonst ist nicht viel Betrieb so früh am Morgen.

Morgenstimmung im Aufstieg zum Bözberg

Bei Unterbözberg überquere ich die Bözbergstrasse. Bald darauf komme ich an der Tiefbohrung Bözberg-1 der Nagra vorbei. Hier ist seit April eine Tiefenbohrung im Gange, welche den Untergrund im Hinblick auf die Eignung als Atommüll-Endlager prüfen soll. Samstag um 7:45 Uhr sind die Leute an der Arbeit und es herrscht einiges an Betrieb.

Nagra Tiefbohrung Bözberg-1

Bald bin ich aber wieder im Wald und mein nächstes Zwischenziel ist die Linde von Linn. Hier war ich mal auf einer Schulreise, dies ist aber auch schon Jahrzehnte her. Bevor ich zur Linde komme, schlage ich noch zwei junge Rehe in die Flucht, welche auf einer Wiese beim Frühstück sind. Die Linde von Linn soll rund 800 Jahre als sein und hat einen Stammumfang von 11 Metern.

Linde von Linn

Ein wahnsinnig eindrücklicher Baum und wünscht sich irgendwie selber, solche Wurzeln zu haben und so stark verankert zu sein.

Linde von Linn

Dann kommen noch mal knapp 140 Höhenmeter Aufstieg zum Linnerberg. Hoch über dem Schenkenbergertal geht es auf schönen und für mich unbekannten Wegen Richtung Staffelegg. Trotz früher Stunde ist es schon wieder ziemlich warm und ich bin froh, muss ich nicht in der Mittagshitze unterwegs sein. Ich bin noch etwas am werweisen, ob ich wirklich einfach zum Benkerjoch marschieren soll und dort auf den Bus warte, oder ob ich vorher abbiegen soll und nach Küttigen wandere, wo ich sicher in kürzeren Abständen einen Bus hätte.

Vor der Staffelegg. Im Hintergrund ist bereits die Wasserflue zu erkennen. Direkt unterhalb liegt mein Ziel Benkerjoch.

Auf der Staffelegg beschliesse ich, wie geplant zum Benkerjoch zu gehen und dort dann halt 20 oder 25 Minuten auf den Bus zu warten. Einfach mal ein wenig chillen schadet ja überhaupt nichts.

Kurzer Aufstieg Staffelegg zum Herzberg. Dann durch ein letztes Waldstück und nach 3:45h Wanderung habe ich die heutigen 23 Kilometer geschafft. Mit Postauto und Zug geht es zurück nach Schöftland, wo ich um 10:00 Uhr ankomme. Der Rest des Wochenendes gehört der Familie.

Benkenstrasse Richtung Fricktal

Fazit

Ein gelungenes Mikro-Abenteuer mit dem Höhepunkt Lägern-Grat liegt hinter mir. Für ein nächstes Mal würde ich zwei Stunden früher starten, damit der Abend nicht zu stressig wird und eine schöne Pause auf der Lägern Hochwacht drinliegt. Die Route ist durchaus familientauglich. Mit kleinen Kindern würde ich den westlichen Teil des Lägern-Grates aber umgehen. Mir hat die Tour wieder mal gezeigt, welch schöne Landschaften man in der näheren Umgebung noch entdecken kann.

 

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