Zürich Marathon 2017 / Der Kopf war nicht bereit

Vorgeschichte

2013 feierte ich meine Marathon-Premiere in Zürich. Damals diente der Lauf als Vorbereitung und Test vor meinem grossen Ziel, den 100km von Biel. Die Idee war, locker und gesund unter 4 Stunden ins Ziel zu kommen. – Gesund und unter 4 Stunden habe ich es geschafft. Allerdings alles andere als locker. Nach einer zu schnellen ersten Hälfte (1:48h), kämpfte 2:00h für die zweite Hälfte und war nach 3:48 im Ziel. Ab der Wendemarke bei Kilometer 25 haderte ich mit mir. Wieso sollte ich es in Biel probieren, wenn ich hier schon nach 25km platt bin?

Schlussendlich hat es dann in Biel tiptop geklappt. Ich habe weitere Läufe bestritten, darunter mehrere klassische Marathons. Für einen zweiten Start in Zürich hat es irgendwie nie gepasst. Dieses Jahr passte es endlich wieder und ich habe mich für den Zürich Marathon angemeldet. Letztes Jahr bin ich praktisch ohne Training am Aargauer Marathon gestartet und konnte diesen nur knapp unter 4 Stunden beenden. Dieses Jahr habe ich mehr trainiert und rechne mir aus, auf der schnellen Zürcher Strecke allenfalls eine neue persönliche Bestzeit und unter 3:40h laufen zu können. Was mir fehlt, sind allerdings lange Läufe. Zweimal habe ich die 21km um den Hallwilersee geschafft, alle anderen Trainings waren kürzer.

Vor dem Start

Ich bin nicht der einzige aus Schöftland am Start. Priska hat sich auch angemeldet und holt mir am Samstag meine Startnummer auch gleich ab. Super Service! Herzlichen Dank! – So stehen wir dann kurz vor 6:00 Uhr an der Haltestelle und warten auf den Zug nach Aarau. Ein toller Tag kündigt sich an und wir sind in guter Stimmung. Priska will unter 4:00h laufen und ich wie gesagt noch etwas schneller.

Über Aarau und den Zürcher HB fahren wir direkt zum Startgelände am Mythenquai. Wir sind rechtzeitig da und machen zuerst mal ein paar Morgen-Sonnenschein-See-Selfies. Dann anstehen in der Toiletten-Schlange. Hier fühle ich mich zum ersten Mal heute etwas fehl am Platz. Für meine Begriffe hat es einfach zu viele Leute (bzw. Läufer) hier.

Dreiviertel Stunden vor dem Start sind wir beim Kleiderdepot. Es ist noch kühl und ich warte bis 30 Minuten vor dem Start, bis ich mich der nicht benötigten Kleidung entledige und meinen Sack abgebe. Priska stellt sich ein zweites Mal in eine Toiletten-Schlange und ich mache mir am Schluss Sorgen, dass sie es überhaupt rechtzeitig zum Start schafft.

Es reicht dann aber und acht Minuten vor dem Start stehen wir im Startblock. Wir sind zwar in verschiedenen Blöcken eingeteilt. Sie stellt sich aber zuvorderst in ihren und ich mich zuhinterst in meinen. So können wir trotzdem gemeinsam loslaufen.

Erste Hälfte

Vor vier Jahren war ich von der ganzen Atmosphäre und dem Gedränge am Start überfordert und bin dann viel zu schnell gestartet. Dieses Jahr will ich es natürlich besser machen. Der Plan ist, dass ich mich bis ca. Kilometer 25 nur am Pulswert orientiere. Ich will das Ganze eher langsam angehen und dafür auf der zweiten Hälfte nicht einbrechen, wie es beim letzten Mal der Fall war.

Nach dem Start fühle ich mich gut, allerdings habe ich schon nach drei Kilometern das Gefühl, zu warm angezogen zu sein. Dies liegt nicht an der Kleidung, da ich nicht mehr trage, als bei Rennen im Hochsommer. Das Gefühl kommt daher, dass ich noch nicht gewohnt bin, bei Temperaturen über 10° und Sonnenschein zu laufen. Der Puls ist in Ordnung und soweit alles im grünen Bereich.

Die Strecke führt zuerst in einer 10km Runde durch die Stadt, zurück zum Start. Innerhalb dieser Runde überhole ich den Pacemaker für einen 3:45h Finish. Das Ziel ist, bis zum Ende vor ihm zu bleiben. Ich bin froh, als die „Startrunde“ vorbei ist und es raus aus der Stadt Richtung Wendepunkt Meilen geht. Bei mir immer noch alles im grünen Bereich. Ich spule langsam die Kilometer ab.

 

Bei Kilometer 17 laufe ich dann auf Beatrice auf. Ich kenne sie vom Ultra Bielersee und den 100km Biel. Sie ist letztes Wochenende in Freiburg den Marathon unter 3:30h gelaufen und will hier nur mal schauen, wie gut sie sich schon erholt hat. Nach zwei Kilometern muss ich sie wieder ziehen lassen, da ich merke dass mein Puls zu hoch geht. Es wird immer wärmer und bei den Verpflegungsstellen schütte ich mir jeweils Wasser über Kopf und Rücken um mich etwas zu kühlen.

Ich bin gespannt auf meine Halbmarathonzeit. Die Marke kommt dann endlich und ich drücke den Zwischenzeitknopf: 1:47:50. Wenn ich die Pace einigermassen halten kann, geht das locker unter 3:40h.

Zweite Hälfte

Irgenwie wird es aber zäher. Ich kann es kaum erwarten, die Wendemarke in Meilen bei Kilometer 25 zu erreichen. Körperlich geht es mir gut, allerdings drückt meine Blase etwas. Als dann in Meilen ein ToiToi-Pissoir direkt am Streckenrand steht, nutze ich die Gelegenheit. Dann geht es zurück Richtung Zürich. Ich halte Ausschau nach Priska, welche auf der Gegenseite entgegenkommen müsste. Das mache ich so lange, bis der 4:15h-Pacemaker entgegenkommt. Da sich sie nicht entdecken kann, gehe ich davon aus, dass sie nur sehr knapp hinter mir ist.

Physisch geht es mir gut, psychisch bin ich irgendwie angeknackst und habe nicht richtig Lust zum laufen. Ich hadere mit der Strecke. Auf einmal sind mir die zwei Runden am Luzern Marathon sympathischer als die Strecke hier. Dort habe ich immer wieder Zwischenziele und weiss genau, was als nächstes kommt. Es hat auch mehr Höhepunkte dort. – Aber eigentlich bin ich ja für eine schnelle Zeit und nicht für Sightseeing nach Zürich gekommen.

Irgendwann nach Kilometer 30 ist dann mein Widerwille zu stark und ich mache eine erste Gehpause. Wieso laufe ich nur diesen Marathon. Es wäre ein toller Tag für einen Familienspaziergang. – Ich überlege, was ich mache soll. Aufgeben ist mühsam. Ich denke ich bin schneller im Ziel, wenn ich einfach fertig laufe. – Marschieren bis Priska kommt und dann mit ihr ins Ziel? Ich habe Angst, dass ich ihr nicht folgen kann, wenn sie mich überholt. Also besser weiterjoggen.

Zeitlich wäre eigentlich immer noch alles im grünen Bereich für eine gute Zeit. Ich habe aber keine Lust zu leiden oder mich zu quälen. Es ist so ein schöner Tag und spazieren wäre heute viel passender. – So mache ich praktisch jeden Kilometer eine kleine Gehpause. Ich beobachte wie andere Läufer keuchen, am Anschlag laufen oder Krämpfe haben. Bei mir wäre körperlich alles in Ordnung. – Das Problem liegt zwischen den Ohren!

Wer findet die Gehpausen? 🙂

Irgendwann überholt mich dann der 3:45h-Pacemaker mit seiner Gruppe wieder. Ich versuche noch kurz anzuhängen, lasse dies dann aber rasch sein. – Meine Gedanken gehen zur restlichen Laufsaison. An den Ultra Bielersee werde ich nicht gehen. Ach nein, da geht ja Silvia als Helferin und ich habe einen Gratis-Startplatz. Da muss ich wohl hin. – 100km Biel? Keine Lust! Andererseits sind die 100km viel heraufordernder und abenteuerlicher. Und die Stimmung im Ultramarathon-Umfeld viel entspannter. Also glaub ein drittes Mal will ich das doch noch machen. – Nachher Eiger Ultra, Swissalpine und UTMB. Da gibt es keine Frage. Dort will ich hin und finishen!

Die Stadt kommt näher und die Kilometer werden langsam weniger. Ich setze meinen Fokus neu. Die Zeit ist mir nicht mehr wichtig. Einfach unter vier Stunden und nicht langsamer als Priska muss es sein. Eine Ambulanz mit Blaulicht kommt mir entgegen. Es ist jetzt wirklich warm und ich und wohl auch die meisten anderen Läufer sind sich diese Temperaturen noch nicht gewohnt. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein paar „Opfer“ fordert. Ich esse ab und zu ein Stück Banane und trinke weiterhin Wasser und versuche mich damit auch zu kühlen.

Rein in die Stadt. Bellvue, Quaibrücke, Bahnhofstrasse. Dann kommt das Hotel St. Gotthard, wo wir die Bahnhofstrasse verlassen. Ich denke zurück an den inzwischen verstorbenen ehemaligen Besitzer des Hotels, Herr Manz. Er war Kunde von uns und für mich eine beeindruckende Persönlichkeit mit einem gütigen Charakter. – Sobald mein Hirn abgelenkt ist, geht es besser mit laufen.

Noch zwei Kilometer. Ich beschliesse von nun an ohne Gehpause durchzulaufen. Und revidiere meinen Entschluss schon bald wieder. Es reicht, wenn ich den letzten Kilometer vollständig renne. Also eine letzte Gahpause. Mein Zeitziel setze ich auf unter 3:55h. Das werde ich erreichen. Priska hat mich noch nicht eingeholt, sie wird wohl aber kurz nach mir im Ziel eintreffen.

Ein letztes Mal beim Bürkliplatz vorbei. Nur noch rund 600 Meter bis zum Ziel. Eine Ambulanz steht dort und ein Läufer wird gerade auf die Trage gelegt. Das ist hart, so kurz vor dem Ziel abtransportiert zu werden. Das ist das gute oder schlechte bei einem Stadtmarathon. Du kannst voll an die Grenzen gehen. Wenn du überziehst ist Hilfe gleich um die Ecke. – Bei einem Ultra in den Bergen geht das nicht. Wenn es dich morgens um 2:00 Uhr alleine auf der Fourcla Surlej zusammenlegt, dann hast du ein Problem.

Auf den letzten 500 Metern mache ich dann noch ein wenig Tempo und jage den Puls hoch. Die Freude über den Finish überdeckt den Frust während dem Lauf. Mit 3:52h bin ich rund 4 Minuten langsamer als vor 4 Jahren bei meiner Premiere. Ist mir aber egal. Hauptsache vor Priska! 🙂

Nach dem Rennen

Ich schnappe mir das neon-orange leuchtende Finishershirt und schnappe mir ein Rivella. Dann suche ich mir einen Platz in der Nähe des Shirt-Standes, damit ich Priska abfangen kann. Nach 10 Minuten muss ich den bequemen Sitzplatz für einen völlig entkräfteten Läufer räumen. – Nach 20 Minuten warten, beschleicht mich der Verdacht, dass Priska vielleicht vor mir im Ziel war. Nach 25 Minuten beschliesse ich, zum Gepäckdepot zu gehen, wo ich Priska grinsend vermute. Falls sie nicht dort ist, habe ich nachher immerhin mein Handy und kann sie anrufen.

Ich hole meinen Gepäcksack ab und lege mich auf der Landiwiese in die Sonne. So muss ein Frühlingssonntag sein. Man kann das Faulenzen viel besser geniessen. Ich schalte mein Handy ein und suche das Resultat von Priska im Datasport. 4:27h. Das ist wohl noch schlechter gelaufen als bei mir. Ich bin gespannt auf ihren Bericht.

Wenige Minuten später ist sie auch beim Gepäckdepot. Ihre Geschichte hat einige parallelen zu meiner Jungfrau-Marathon-Erfahrung. (Ausser dass sie nicht zu schnell gestartet ist und kein Powernap unterwegs gemacht hat.) – Zufrieden und glücklich fahren wir mit dem Zug wieder nach Hause.

Fazit

Was sich beim UTMB gezeigt hat, hat sich beim Zürich Marathon bestätigt. Die Faszination fürs Laufen, welche mich von „The Wayve 2012„, bis zum „Irontrail T201 2015“ angetrieben hat, ist nicht mehr vorhanden. Ich muss mir nichts mehr beweisen und suche meine Ziele wieder viel mehr im unternehmerischen Bereich. Zudem ist es mittlerweile einfacher möglich, mit der ganzen Familie Velo- und Wanderausflüge in die Natur zu machen. Das macht Spass, der Trainingseffekt ist aber natürlich nicht da.

Für einen flachen Marathon ist es entscheidend, dass eine gewisse Motivation zum Leiden vorhanden ist. Diese hat mir in Zürich gefehlt. Die flache Strecke wäre zwar für eine schnelle Zeit ideal, andererseits ergibt sich dadurch kein Wechsel im Laufrhythmus und das Rennen wird dadurch sehr intensiv. Was mir sicher auch gefehlt hat, sind Longjogs als Vorbereitung. Ich habe nur zwei Mal die  21km um den Hallwilersee gemacht. Das ist für eine gute Marathon-Vorbereitung sicher zu wenig.

Ich werde wohl auch in Zukunft solche Marathons laufen. Allerdings muss ich mir vorher klar sein, mit welcher Einstellung ich an den Start will. Letztes Jahr bin ich sowohl in Aarau, wie auch in Luzern mit dem Bewusstsein an den Start, dass ich nur mit Kampf unter vier Stunden bleiben kann. Mit dieser Einstellung habe ich dies dann auch geschafft. – In Zürich habe ich gedacht, ich bin sicher besser in Form und laufe jetzt auch eine bessere Zeit. Das Bewusstsein, dass dies ebenfalls mit Kampf verbunden ist, hat mir aber gefehlt. Und als dann die „Kampfphase“ gekommen ist, hat der Kampfwille gefehlt.

Aber hey! Es war ein Marathon und er war unter vier Stunden. – Also grundsätzlich alles im grünen Bereich! 🙂

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