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Sardona Trail Marathon

Der Plan war ziemlich gut. Ich sollte dieses Wochenende unsere Jungs hüten, da meine Frau wegen Weiterbildung abwesend war. Ich dachte uns Männern würde etwas Bergluft gut tun. Schnell die Schwiegermutter in Davos gefragt, ob sie Lust und Zeit für die beiden Racker hat, dann mich selber für den Sardona Trail Marathon angemeldet.

Am Freitag Nachmittag habe ich den Nachwuchs in Davos abgegeben und bin dann nach Schänis zu meinen ehemaligen WG-Kollegen Stefan Zweifel und seiner Familie gefahren. Unterwegs habe ich in Wangs noch kurz die Startnummer abgeholt.

Mit der Startnummerausgabe fängt alles an.

Nach dem Nachtessen noch gemütlich zwei Bier zum auffüllen der Flüssigkeitsreserven. So sieht eine seriöse Wettkampfvorbereitung aus. Am Morgen bin ich dann nach 7:30Uhr in Wangs auf die Seilbahn, welche mich zum Startort Furt brachte.

Ich habe den Sardona Trail Marathon (38km / 3000Hm) mit dem Irontrail T41 (48km / 2900Hm) verglichen., welchen ich im August gelaufen bin. In meiner Überlegung, sollte der Sardona einfacher sein, weil 10km kürzer und Startzeit so früh, dass ich nicht in die Nacht kommen werde. – In die Nacht bin ich dann tatsächlich nicht gekommen. Betreffend einfacher war die Einschätzung nicht unbedingt treffend. Richtig wäre eher: Mein schneidet beim Irontrail die einfachen Flachstücke mit guten Wegen raus, streut über den Rest eine gehörige Ladung Steine und, da im September, legt ab 2300m noch 10cm Schnee drauf! Fazit: Es geht immer entweder steil hoch oder steil runter und der Trail ist brutal technisch.

Um 8:30 starten die Ultra-Läufer, welche den 80km-Lauf absolvieren. Meine erste Erkenntnis an diesem Tag: Nächste Woche kaufe ich mir auch solche Kompressionsstrümpfe. Jeder/jede trägt hier solche. Ich getraue mich fast nicht, ohne dieselben in den Startpulk zu stehen. Ich hab zwar von Kindheit her eine Abneigung gegen Kniesocken, nun wirkt aber der Gruppenzwang.

Die Pfleichtausrüstung wird hier nicht einfach per Selbstdeklaration abefragt, sondern in einer Materialkontrolle abgefragt. Da kommen doch gleich Gefühle wie an der Freitag-Abend-Mat-Kontrolle in der RS auf. Ich bestehe und werde zum Rennen zugelassen. Lustigerweise treffe ich Arsène Perroud, mit welchem ich vor bald 20 Jahren die Berufsschule besucht habe. Wir quatschen noch bis zum Startschuss und ich hefte mich dann an seine Fersen.

Startfeld des 80km Ultra-Trail

Furt – Gaffia / 6.4km, +620m, -280m
Wir reihen uns im hintersten Drittel des Feldes ein. Die Strecke führt zuerst leicht abwärts und wird bald zum Singletrail, auf dem das überholen schwierig ist. Mein Puls ist zu hoch, obwohl wir nicht wirklich schnell unterwegs sind. Eine Mischung aus Wettkampffieber und fehlendem Einlaufen. Ich konzentriere mich nur auf die Schuhe von Arsène und hoffe, dass mein Puls bald sinkt. Ich bin froh, dass ich mich für die kurzen Hosen und das Kurzarmshirt entschieden habe. Die Sonne kommt hervor und es wird sofort warm. Auf den exponierten Gräten ziehe ich die Ärmlinge nach hinten, um mich vor dem Wind zu schützen. Kurz vor Gaffia hält Arsène kurz an und ich ziehe vorbei. Von nun an laufe ich mein eigenes Tempo. Gaffia erreiche ich nach 1h05. Geschätzt hatte ich etwa 1:15. Der Durchschnittpuls ist mit 172 auf diesem Abschnitt aber viel zu hoch. In Gaffia fülle ich meine Wasserflaschen nach.

Gaffia – Lavtinasattel / 6.9km, +870m, -240m
Das Feld hat sich nun schon ordentlich auseinandergezogen und die Strecke führt auf dem bekannten Wanderweg der 5-Seen-Wanderung weiter aufwärts. Die Strecke ist anspruchsvoll, da der Weg mit vielen Steinen durchsetzt ist. Ich bin froh, dass ich diesmal Stöcke dabei habe, das erleichtert die Sache etwas. Wir kreuzen viele Wanderer, welche netterweise den Weg jeweils freigeben. Am Anfang bedanke ich mich immer freundlich, dann bekomme ich aber Seitenstechen und mache deshalb auf asozial. Bemerkenswerte Punkte bis zur Wildseelugge: Die schönen Bergseen, ein Feld von Steinmannli welches wir durchqueren, die Spitze der Short-Distance-Läufer, welche uns hier überholt. Die sind 45 Minuten nach uns gestartet und setzen hier schon fast zum Schlussspurt an. Ich kann auf diesem Abschnitt auch eine handvoll Läufer überholen und hoffe, die kann ich auch bis ins Ziel hinter mir lassen. Das Wetter ist ideal und die Sicht reicht bis zum Bodensee. Ab ca. 2300m hat es nun Schnee oder besser gesagt Pflotsch. Es ist eine glitschige Angelegenheit und es braucht ständig die volle Aufmerksamkeit. Beim Wildsee ziehe ich ein erstes Snickers aus der Tasche, damit ich etwas Energie zuführen kann. Die Strecke führt hier über ein Geröllfeld mit Steinen unterschiedlicher Grösse. Während dem Essen bin ich etwas abgelenkt und übertrampe mir prompt den linken Fuss. Der Schmerz ist kurz ziemlich heftig und ich humple weiter. Zum Glück kommt gleich der steile Anstieg auf den Lavtinasattel, mit 2587m der höchste Punkt der Strecke. Hier überhole ich Roland, welcher mich kurz vor meinem Fehltritt kassiert hat. Der höchste Punkt der Strecke wäre eigentlich ein Punkt zum feiern. Dahinter kommt aber ein brutaler Downhill von fast 1700Hm bis nach Schwendi auf 909m. Mir ist nicht nach feiern zu Mute. Geplant war für diese Strecke ca. 1:30, effektiv habe ich 1:52 benötigt.

Lavtinasattel – Schwendi / 10.2km, +40m, -1700m
Schon wenige Meter nach dem Gipfel überholt mich Roland wieder. Der ist bergab ungefähr doppelt so schnell wie ich. Unglaublich! Ich hoffe, es sind nicht alle hinter mir so schnell. Es ist steil und rutschig und mein Fussgelenk schmerzt. Zudem habe ich schlechten GPS-Empfang und deshalb bleibt der Höhenmesser hängen. Ich weiss nicht, wie viele Höhenmeter ich schon vernichtet habe und das nervt mich! Leichte Krampferscheinungen machen sich bemerkbar und ich lutsche eine Kalziumtablette. Ich habe Angst, dass ich wegen den Schmerzen im Fuss, nicht gleichmässig belaste und sich dadurch muskuläre Probleme ergeben könnten. Alles denken bringt nichts, nur stetige Vorwärts- bzw. Abwärtsbewegung bringt mich näher ans Ziel. Meine Wasservorräte sind zu Ende und ich weiss nicht, wann die nächste Verpflegung kommt. Auf dem Streckenprofil ist eine Verpflegung eingezeichnet, diese erkenne ich aber nicht als solche und verpasse es deshalb. Zum Glück ist Alpabzug im Weisstannental und ich bekomme in Weisstannen einen feinen Sirup von der „Sennenverpflegung“. An einem Brunnen fülle ich die Flaschen und entledige mich meiner Gaiters (Gamaschen). Die haben sich schon wieder gelöst und flattern um die Knöchel. Da muss ich noch eine bessere Lösung finden. Im Abstieg konnte ich noch zwei Läufer überholen. Überholt werde ich nicht. Sonst ist es hier eine ziemlich einsame Sache. Nach 1:47h bin ich in Schwendi (geplant waren ca. 2:00h)

Schwendi – Gamidaurspitz / 7.3km, +1340m
Am Verpflegungsposten genehmige ich mir einen Becher Cola und etwas Bünderfleisch. Der Mann an der Verpflegung wünscht mir einen guten Rhythmus für „die Rampe“. Das wünsch ich mir auch. Auf dem Wegweiser steht 4:55 bis Gaffia. Normalerweise kann ich diese Zeiten halbieren. Jetzt bin ich mir aber nicht sicher. Der Startanstieg ist wieder brutal steil und ich versuche einen gleichmässigen „Bergführerschritt“ zu finden. Ich überhole einen 80km-Läuer, welcher aufgegeben hat, nun aber trotzdem zu Fuss über den Berg zurück muss. Etwas weiter oben sitzt Roland auf einem Stein. Er hat eine Krise und ruht sich etwas aus. Ich sehe ihn erst im Ziel wieder, und er sagt mir, die Krise ist bis dort geblieben. Die restlichen ca. 2h bis ins Ziel treffe ich keinen Läufer mehr. Bergauf geht es ziemlich gut mit dem Fuss und die Schmerzen halten sich in Grenzen. Ich kontrolliere meine Fortschritte anhand der Uhr und des Höhenmessers. Meine Traumzeit von 7h kann ich abhaken und ich hoffe nun, dass ich es unter 8h schaffe. Den zweiten Snickers-Riegel habe ich inzwischen auch weggeputzt und etwas Gel ging auch noch runter. Betreffend Verpflegung habe ich sicher noch Optimierungspotential, damit ich für Ultra-Strecken genügend Energie während dem Laufen zuführen kann. Ein paar Mal bleibe ich kurz stehen um durchzuschnaufen. Ich motiviere mich schlussendlich, alle 10 Minuten, 100 Meter aufgestiegen zu sein. Das klappt und nach 2:10 bin oben (geplant 2:30). Nun geht es nur noch runter bis ins Ziel!

Gamidaurspitz – Furt / 5.6km, +20m, -750m
Schon auf den ersten Metern abwärts merke ich, dass dies kein „Feierabendlauf“ ist. Das Fussgelenk schmerzt und verunsichert mich. Die Oberschenkel- und Wadenmuskeln verkrampfen sich bei unbedarften Bewegungen. Ich habe nicht viel Reserve. Immerhin hat es hier wieder Wanderer auf der Strecke, welche etwas Abwechslung bieten. Die Strecke bis Gaffia sind wir schon auf dem Hinweg gelaufen und ich kenne die Stellen deshalb. Es scheint allerdings eine Ewigkeit her, als ich hier durchgekommen bin. Meine Ziel für diese Etappe: Ich werde von niemandem überholt und ich schaffe eine Gesamtzeit von unter 7:45. Meine Trinkflaschen sind wieder leer, ist aber nicht so schlimm, weil ich schon den Geschmack des Zielbiers im Mund habe. Ich überlege mir, was ich mir im Restaurant zum Nachtessen bestelle. Ich kann das Ziel nun schon sehen, es sind aber noch fast 500Hm bis dahin. Schlussendlich habe ich auch diese geschafft und laufe nach 7:43:12 in Furt ein. Zeit für die Etappe 47Minuten (geplant 45 Minuten).

Überglücklich im Ziel nach 7:43h

Ich hole mir bei der Verpflegung zwei Becher Cola, dann ziehe ich mich um und sitze auf die Terrasse des Restaurants. Ein alkoholfreies Weissbier und eine Gulaschsuppe später bin ich bereit für die Heimreise. Als ich aufstehe und zur Gondel gehen will, behindert mich mein linker Fuss nun ziemlich stark. Da werde ich noch ein paar Tage mit beschäftigt sein.

Fazit:
Trail-Marathon ist nicht gleich Trail-Marathon! Gegenüber dem Irontrail war meine durchschnittliche Kilometerzeit fast 2 Minuten langsamer (12:15 gegenüber 10:21). Die Ausrüstung hat sich grösstenteils bewährt. (Für die Gamaschen muss ich noch eine bessere Lösung finden). Ich habe den ersten Quali-Punkt für den Ultra Trail Mont Blanc erarbeitet. Nächstes Jahr will ich mir die restlichen 6 holen. Die Verpflegung muss ich noch optimieren. Ich führe unterwegs zu wenig Energie zu.

Insgesamt ein toller, aber sehr anspruchsvoller Lauf! Mein Respekt vor der 80km ist aber ziemlich gestiegen.

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