UTMB 2016 / Teil 4 – Die Phasen zum DNF

DNF – Did not Finish

Jeder Ultramarathon-Läufer hat Angst vor den 3 Buchstaben „DNF“. Dies ist die Abkürzung für „Did not finish“, was bedeutet, dass man einen Lauf aus irgendwelchen Gründen nicht beendet hat. Ich konnte bis jetzt jeden Lauf beenden, bei welchem ich gestartet bin. Nun aber ausgerechnet beim wohl prestigeträchtigsten Ultratrail der Welt, steht ein „DNF“ hinter meinem Namen. Ich bin nach 96km, 5’700 Höhenmetern und 22.5 Stunden Laufzeit freiwillig ausgestiegen. Einem erfolgreichen Finish stand zu diesem Zeitpunkt wenig im Wege. Körperlich hatte ich praktisch keine Beschwerden. Ich war nicht sehr schnell, aber mit einem regelmässigen Rhythmus unterwegs und lag ungefähr in meinem Zeitplan und komfortabel unterhalb der Cut-off-Zeit. Mental ging es mir auch gut. Ich hatte nicht die grosse Krise wie beim Irontrail und war nicht in einer gedanklichen Negativspirale. – Aber was hat dann dazu geführt, ohne Not den Zeitmesschip abzugeben und mit dem Bus zurück zu fahren?

Phase 1: Irontrail T201 2015 – Den Preis bezahlt

Eigentlich wollte ich den UTMB schon 2015 laufen. Da ich bei der Auslosung keinen Startplatz erhalten habe, musste ich mir einen anderen Saisonhöhepunkt suchen. Ich bin dann beim Irontrail T201 gelandet. Nach aussen habe ich kommuniziert, dass ich einfach bis zur offiziellen Zwischenwertung in Savognin bei 135km kommen wollte. Innerlich wollte ich aber die ganzen 200km schaffen. Es war eine riesige persönliche Herausforderung und ich wusste, dass ich meine bisherigen Grenzen massiv sprengen würde, wenn ich das Ding tatsächlich finishen würde. – Mir war klar, dass bei einem erfolgreichen Finish, die Motivation für den UTMB leiden könnte. Dieser würde den Reiz des ultimativen Ziels verlieren.

Das mit dem T201-Finish hat ja dann nach einigem Kampf geklappt. Ich habe vieles gelernt, was ich jetzt im UTMB anwenden konnte. –  Ich hatte meine Grenzen gesprengt und meine Komfortzone erweitert. Das Ganze hatte aber seinen Preis. Der Lauf ging körperlich massiv an die Substanz und auch mental habe ich schon in der Vorbereitung während Monaten sehr viel Energie in dieses Ziel gegeben. Diese Energie hat dann entsprechend in Familie und Unternehmen gefehlt. Ich habe gemerkt, dass es nicht mehr mit „immer weiter, höher, länger“ weitergehen kann. Ich habe gesehen, dass ich meine Prioritäten anders setzen muss.

Phase 2: Eiger Ultra E101 2016 – Es wird selbstverständlich

Mein erster E101 im Jahr 2014 war ein Meilenstein für mich. Zum ersten Mal 100 Kilometer mit massiv Höhenmetern im Gebirge. Entsprechend war dann auch die Freude im Ziel riesig. Zeitlich sah ich mit gegen 22 Stunden noch Verbesserungspotential und wollte 2015 unter 20 Stunden bleiben. Dies habe ich zwar geschafft, aber auf leicht verkürzter Strecke und mit einer langen gewitterbedingten Erholungsphase während dem Rennen.

2016 habe ich es dann nochmals versucht und mit 19.5 Stunden mein Ziel auch erreicht. Es war aber nicht mehr der Meilenstein wie beim ersten Mal. Im Ziel habe ich mich vor allem auf eine Flasche Apfelschorle und das Bett gefreut. Der Rest war bei der dritten Teilnahme schon mehr oder weniger selbstverständlich.

Phase 3: Swissalpine K78 2016 – Das Familienerlebnis

Den Swissalpine Marathon habe ich lange Zeit eher belächelt. Nur 78km und nicht einmal 2000 Höhenmeter. Das kann ja nicht die Herausforderung sein. Als sich eine „familienkompatible“ Möglichkeit für die Teilnahme ergab, war ich dann sofort dabei. Dies aus drei Gründen. Erstens wollte ich das Ding aus Prinzip mal gemacht und abgehakt haben, zweitens wollte ich beweisen, dass es wirklich nicht so schwierig ist und drittes war es ein gutes Training im Hinblick auf den UTMB.

Aus dem „Ich fahr mal hin und mach den halt kurz“ wurde dann „War ein toller Tag!“. Silvia hat mich zum Start begleitet, ich habe mich 10 Stunden in der tollen Bergwelt bewegt, habe geschwitzt, am Ende auch gekämpft und ich konnte am Abend gemeinsam mit den Jungs über die Ziellinie laufen. Nachher eine Pizza essen und dann zufrieden und glücklich ins Bett. Das Finisher-Erlebnis war emotional, da ich es unmittelbar mit der Familie teilen konnte. Auf Apfelschorle und Bett habe ich mich auch hier gefreut.

Phase 4: Vor dem UTMB – Freude oder Stress?

In der Vorbereitung zum UTMB merke ich deutlich den Unterschied zur Irontrail-Vorbereitung letztes Jahr. Wöchentlich steht mehrmals die Entscheidung an: Gehe ich trainieren, verbringe ich die Zeit mit der Familie oder mache ich etwas fürs Geschäf? – Letztes Jahr fiel die Wahl praktisch immer klar fürs Training. Dieses Jahr fällt das Training häufig aus oder wird verkürzt. Meine Prioritäten haben sich deutlich verschoben. Der UTMB ist nicht mehr die herausragende Herausforderung, welche mich reizt und vor welcher ich grossen Respekt habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit den Erfahrungen des Irontrail, trotz reduziertem Training, gute Chancen auf den Finish habe.

Die Vorfreude hält sich einigermassen in Grenzen. Im Geschäft läuft sehr viel und wir sind eh grad knapp an Kapazität im Büro. Ich habe tolle Mitarbeiter und Kunden. Die Arbeit macht mir Spass. Nun muss ich aber Mitarbeiter und Kunden wegen dem UTMB vertrösten. Zudem bin ich auch ein langes Wochenende von der Familie weg. Das Gefühl stimmt nicht so richtig und schlussendlich fahre ich eher gestresst nach Chamonix.

Phase 5: Refuge Bertone – Wieso nicht Glace essen?

Ich bin froh, als ich den langen Aufstieg von Courmayeur zum Refuge Bertone in der Mittagshitze geschafft habe. Es ist ein wunderschöner Platz mit Blick auf den Mont Blanc. Ich hätte Lust, den Aufstieg mit einem Bier oder einem Coupe auf der Sonnenterrasse zu geniessen. Stattdessen zum wiederholten Male Wasser auffüllen, Tee trinken, kurz absitzen, Nudelsuppe essen und den nächsten Streckenabschnitt studieren. – Das macht für mich keinen Sinn mehr. Wir bewegen uns hier in einer wundervollen Landschaft, schauen aber während Stunden nur jeweils den Boden auf den nächsten 3 Metern an, um zu sehen, wo man die Schritte am sichersten setzen kann. – Wir bezwingen die Berge im Multipack, ohne die Aussicht und das Gipfelerlebnis geniessen zu können. Wäre ich nicht besser mit meiner Familie hier hoch gewandert und wir hätten nachher zusammen unsere Leistung bei einem Glace gefeiert und die Natur genossen?

Nachdem ich durch Silvia per sms erfahren habe, dass Oli nicht mehr im Rennen ist, tut sich auf einmal die Option auf, bereits am Sonntag wieder ausgeruht nach Hause zu fahren. Ich schreibe Silvia auch, dass ich allenfalls abbrechen werde, obwohl es mir gut geht. Sie ist nicht der Meinung, dass ich unbedingt fertig laufen muss. Vorerst nehme ich mir aber Druck weg und beschliesse, bis zum Refuge Bonatti einfach zu wandern, obwohl es hier gut laufbare Abschnitte gibt und man Tempo machen könnte.

Phase 6: Refuge Bonatti – Was sind die Konsequenzen?

Die Strecke zum Refuge Bonatti eignet sich gut zum Nachdenken und ich gehe die Pros und Contras zu einem allfälligen Abbruch durch.

Contra:
1.) Ich fahre ohne das UTMB-Finisher-Gilet nach Hause.

2.) Meine Serie von erfolgreichen Finish’s endet und ich habe ein DNF in der Statistik. Was denken da die Leute von mir?

Pro:
1.) Ich spare mir die zweite Nacht ohne Schlaf, bin bereits am Sonntag Abend ausgeruht zu Hause. So kann ich bereits am Montag Morgen fit die Arbeitswoche starten, statt erst am Dienstag mit „Jetlag“ auf Halbgas.

2.) Ich schone meinen Körper, denn die Kilometer über 100 sind nicht die gesündesten. Ich werde in dadurch ohne Beschwerden am Jungfrau-Marathon in zwei Wochen starten können.

3.) Meine Serie von erfolgreichen Finish’s endet und ich habe ein DNF in der Statistik. – Das ist eine neue Erfahrung und an neuen Erfahrungen wächst man ja schlussendlich. Ich muss weder mir noch jemandem anders etwas beweisen. Stattdessen freue ich mich doch einfach an den 96km und 5’700 Höhenmetern, welche ich im Prinzip ziemlich problemlos geschafft habe.

4.) Meine „Willen oder Wollen“-Theorie bestätigt sich. Der Irontrail war ein „Wollens“-Ziel für mich. Es kam von Herzen und ich habe dafür gebrannt. Ich wollte es einfach erreichen, über die Konsequenzen habe ich mir keine Gedanken gemacht. Beim UTMB habe ich nicht mehr wirklich gebrannt. Entsprechend habe ich mir Gedanken über die Konsequenzen gemacht, wenn ich das Ding mit dem schieren Willen zu Ende gelaufen wäre.

Phase 7: Der Entschluss

Beim Refuge Bonattisteht mein Entschluss fest. Ich werde noch runter ins Tal zum nächsten Kontrollposten in Arnouvaz laufen und dort den Lauf beenden. Ich geniesse den Downhill runter und stelle die Entscheidung nicht mehr in Frage denn sie stimmt für mich in diesem Moment absolut.

Ich freue mich auf eine Glace, eine Flasche Apfelschorle, eine Pizza, ein Bett und nachher die Heimkehr. – Für all diese Sachen brauche ich nicht die ganzen 170 Kilometer.

Wie geht es nun weiter?

Am Sonntag haben wir noch die Ankunft der Läufer mit Schlusszeit um 40h gesehen. Genau meine geplante Endzeit. Der Schmerz über den „weggeworfenen“ Finish hielt sich in engen Grenzen. Klar ist der Stolz verletzt. Die Dankbarkeit, 96km gelaufen zu sein und mich ohne Beschwerden bewegen zu können ist aber auch da. Ich glaube das DNF kann ich rasch abhaken und als Erfahrungsgewinn gutschreiben.

Sportlich geht es bereits in zwei Wochen mit dem Jungfrau-Marathon weiter. Ich freue mich riesig darauf. Da ich jetzt nicht völlig zerstört aus Chamonix zurückkomme, kann ich sogar noch ein paar Trainings machen und dann versuchen eine gute Zeit zu laufen.

Nächstes Jahr möchte ich keine Rennen laufen, welche länger als 12 Stunden dauern. Lieber mit Familie oder Freunden gemeinsam einen Lauf besuchen, anstatt die „endlos Ego-Trips“ absolvieren. Zudem gibt es noch langfristige Projekte wie einen Ironman-Finish, für welchen ich zuerst mal einen Crawl-Schwimmkurs machen müsste.

Und den UTMB? – Die Chancen sind recht hoch, dass ich irgendwann zurückkehre und mir das Finisher-Gilet hole. Eilt aber momentan nicht.

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7 Kommentare zu UTMB 2016 / Teil 4 – Die Phasen zum DNF

  1. Peter 29. August 2016 um 8:06 #

    Hey Martin, das war auf jeden Fall eine tolle Leistung und ich denke ein grösserer mentaler Erfolg, dass du die Stärke hattest, abzubrechen. Selbst 96 km am Stück sind eine sehr lange Strecke, die du in einer super Zeit gelaufen bist. Ich finde deinen Entscheid gut, die sehr langen Rennen nicht mehr zu laufen. Bringt ja wirklich nichts, etwas durchzustieren, was keinen Sinn ergibt.

    Weiter so!

  2. heinz Cesira 29. August 2016 um 19:15 #

    Hoi Martin, gut zu wissen, wann genug eben genug ist. Wir wünschen dir eine freudvolle Zeit und alles was für dich gut ist.

  3. Thomas 29. August 2016 um 22:16 #

    Hoi Martin
    erzlichen Dank für deinen tollen Bericht. Ich selber sagte schon x mal das dies nun mein letzter Extremlauf war…..
    so freue ich mich also auf ein nächstes Treffen mit dir an einem 24h Lauf, lrontrail oder was auch immer 😊
    Nun wünsche ich dir aber gute Erholung und geniess deine Familie.
    ganz liebe Grüsse
    thomas

    • Martin Hochuli 30. August 2016 um 7:16 #

      Hoi Thomas

      Mit über 100km und länger als 12 Stunden bin ich nun mal etwas zurückhaltend. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich den UTMB mal noch ganz machen werde.

      Herzliche Grüsse
      Martin

  4. Bernd Grasmann 2. September 2016 um 11:41 #

    Hallo Martin,

    Hut ab vor Deiner Entscheidung aufzugeben – dass das nicht einfach ist kenne ich aus leidvoller Erfahrung.

    Ich denke jedoch, dass Dein Entschluss der richtige war – zum einen brauchst Du weder Dir selbst noch anderen irgend etwas zu beweisen und zum anderen muss man manchmal Prioritäten setzen – die auf den ersten Blick weh tun aber auf den zweiten Blick notwendig waren – vor allem im Hinblick auf Familie + Arbeitsalltag.

    Dir + Deiner Familie wünsche ich alles erdenklich Gute für die Zukunft.

    Bernd

  5. Bruno 3. September 2016 um 15:37 #

    Salü Martin
    Bin zufällig auf deinen Bloc gestossen …
    Toll, deine realistischen und ehrlichen Schilderungen haben mir gut gefallen. Du hast recht, Christian (den ich auch erst fünf Minuten vor dir kennen gelernt habe) und ich konnten deinen Entscheid nicht nachvollziehen. Nun aber, nach deinen Hintergrundinfos, verstehe ich deinen Ausstieg. Trotzdem bin ich überzeugt, dass du in einigen Jahren nochmals nach Chamonix zurückkehren wirst.
    Ich durfte schon einige Ultras geniessen – aber dieses UTMB-Feeling von der ersten bis zur letzten Minute (und die Stimmung in Chamonix) ist einzigartig!
    Auch dass ich mithelfen konnte, dass Christian finishen konnte (im Hinterkopf habe ich immer die Abweichung zu meiner Marschtabelle gerechnet) war toll.
    Ich wünsche dir gute Erholung und toi, toi, toi für den Jungfrau-Marthon!
    sportliche Grüsse
    Bruno mit dem Irontrail-Shirt 🙂

    • Martin Hochuli 4. September 2016 um 11:16 #

      Hoi Bruno

      Im Ziel habe ich euch leider nicht mehr gesehen, da ich da schon aus Chamonix weg war. Ich habe aber auf der Heimreise eure Fortschrtte verfolgt und hatte Freude, als ihr das Ziel erreicht hattet.

      Meine Entscheidung war im gesamten Kontext richtig und ich habe diese die ganze Woche nicht bereut. – Bin aber bereits am überlegen, wie ich nächstes Jahr vorgehe, damit ich die notwendigen Quali-Punkte nicht verliere. Vielleicht wird es doch wieder der Eiger E101.

      War schön, euch beide kennen zu lernen. Vielleicht laufen wir uns mal anderswo wieder über den Weg!

      Also herzliche Gratulation zum Finish und liebe Grüsse
      Martin

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