Swissalpine Marathon K78 2016 / Einen Klassiker abgehakt!

Vorgeschichte

Läufe wie der Swissalpine Marathon oder auch der Jungfrau Marathon haben eine lange Tradition und sind auch ausserhalb der Läuferszene bekannt. Irgendwie war da jeder schon mal dabei oder hat einen Bruder/Schwager/Neffe etc., welcher das schon gemacht hat. Teilweise werden dann Slogans wie „Härtester Berglauf der Welt“ und ähnliches in den Mund genommen. Da muss ich jeweils etwas lächeln, wenn ich mit den zahlreichen Ultra-Trail-Läufen vergleiche, welche bezüglich Kilometern, Höhenmetern und teilweiser Selbstversorgung, doch wesentlich schwieriger zu finishen sind.

Auf jeden Fall war der Reiz bisher nicht da, mich für so eine „Massenveranstaltung“ anzumelden. Irgendwann muss man ja da aber doch mal selber hin. Und da meine Frau Silvia kurzfristig entschieden hat, mit den Jungs ein paar Tage zu Neni nach Davos zu fahren, ergibt sich für mich die Möglichkeit für die Teilnahme am Swissalpine K78.

swissalpine_hoehenprofil

 

Das Höhenprofil des K78 treibt mir nicht wirklich Schweissperlen auf die Stirn. Auch das Reglement nicht. Es ist keine Pflichtausrüstung gefordert und es hat so viele Verpflegungsposten, dass man nicht selber Flüssigkeit oder Nahrung mitnehmen muss. Ich entscheide mich, trotzdem den Laufrucksack mit einer Jacke, ein paar Gels und einer 500ml-Softflask mit Wasser mitzunehmen. Sonst fühle ich mich so nackt und ungeschützt! Bei den Schuhen wähle ich den Hoka Conquest 2. Der ist zwar eher für Strassenläufe, da der Trail-Anteil aber ziemlich klein ist, wird das ohne Probleme funktionieren.

Für die Vorbereitung ist von Vorteil, dass es sehr viele Laufberichte von vergangenen Swissalpines gibt. So lese ich dann wohl ein Dutzend Berichte, um mir ein Bild der Strecke und der Herausforderungen zu machen. Ich habe das Gefühl, ich müsste den K78 unter 10 Stunden schaffen können. Wenn ich aber die Zeiten von Freunden und Bekannten studiere, dann sieht es aus, als würde ich eher zwischen 10.5 und 11 Stunden liegen. Schlussendlich mache ich mir eine Marschtabelle für einen 10 Stunden-Finish. Die relativ einfachen 40km bis Bergün in 4.5h, dann 2.25h bis zur Keschhütte hoch, 1h zum Sertigpass rüber, 1h runter nach Sertig Dörfli und 1.25h zurück nach Davos. So wäre der Plan. Mal sehen wie lange der hält!

Aus Schöftland starten neben mir noch unser Gemeindeammann Rolf Bucher und „Swisstrailrunner“ Uwe Mandre. Wir tragen am K78 also sozusagen die „Schöftler Ultra-Berglauf-Meisterschaft“ untereinander aus.

Vor dem Rennen

Am Mittwoch vor dem Rennen mache ich drei Runden auf dem 1000er-Stägeli. Das geht gut und ich habe keine Nachwehen mehr vom Eiger Ultra Trail. Nach dem Training beginnt das Tapering mit einer Runde Bier bei Tinu Bühler. Das Tapering setze ich dann am Donnerstag mit Bier bei Priska und am Freitag mit Feierabendbier im Geschäft fort. Danach reise ich mit dem Zug nach Davos, wo ich kurz vor 22:00 Uhr ankomme. Die Familie ist schon im Bett und Schwiegervater Walter holt mich am Bahnhof ab. Bevor ich um 23:00 Uhr ins Bett komme, mache ich noch die ganze Ausrüstung und die Dropbags für Bergün und Ziel bereit.

Ich schlafe sehr schlecht, wofür es eigentlich keinen Grund gäbe. Um 5:15 Uhr ist Tagwache. Silvia ist auch schon auf den Beinen und wird mit mir zum Start kommen. Wir nehmen den Bus von Davos Dorf zum Sportzentrum, welcher sich bei jeder Haltestelle mit mehr Läufern füllt. Um 6:00 Uhr sind wir am Start und haben genügend Zeit für Gepäckabgabe, Foto mit Uwe Mandre, eine kurze Runde einlaufen, Toilette und Kaffee trinken. Um 6:50 Uhr verabschiedet sich Silvia. Sie will hoch zur Promenade, wo wir uns nochmals kurz sehen werden. Ich stelle mich ins Starterfeld und geniesse die Stimmung und den tollen Morgen.

Die Sonne erscheint kurz vor dem Start über den Bergen

Die Sonne erscheint kurz vor dem Start über den Bergen

Davos – Bergün

Kurz vor dem Start habe ich Tränen in den Augen. Genau gesagt in meinem linken Auge, da mir die Sonnencrème reinläuft. Zum Glück habe ich Silvia noch ein Päckchen Papiertaschentücher ausgerissen. Pünktlich um 7:00 Uhr dann der Start. Die K30- und K78-Felder setzen sich gemeinsam in Bewegung. Ich bin entspannt und in freudiger Erwartung, was der Tag so bringen wird. Die ersten 5km verlaufen auf der Hauptstrasse durch Davos. Da hat es genügend Platz für das Läuferfeld, um sich entsprechend der Laufgeschwindigkeit einzusortieren. Das macht die Startphase stressfrei. Nach 1.5 km überhole ich Uwe. Bei Kilometer 2.5 steht dann Silvia am Strassenrand. Ein kurzer Abschiedskuss und weiter gehts.

 

So nach 3 Kilometer dämmert es mir dann, was nun eigentlich vor mir liegt. Mir machen nicht Keschhütte und Sertigpass Angst. Nein, die 30 Kilometer Tempo bolzen bis Filisur sind nicht gerade meine Stärke. – Ich hänge mich dann mal 10 Minuten hinter eine passende Pacemakerin und finde so einen guten Rhythmus im Rennen. Ungefähr bei Kilometer 6 überhole ich dann Rolf Buchser. Wir wünschen uns einen guten Lauf. In der „Schöftler Ultra-Berglauf-Meisterschaft“ liege ich nun also Führung.

swissalpine_ (8)

Zwischendurch gibt es jetzt kleine Anstiege. Die Frage hier immer: laufen oder marschieren. Ich achte auf meinen Puls und will diesen nicht über 170 steigen lassen. Nur nicht zu früh die Energie verschleudern! Die Verpflegungen sind wirklich für meine Verhältnisse sehr engmaschig postiert. Der Tag ist herrlich und ich bin froh, dass wir immer noch im Schatten laufen. Wir werden noch genug in der prallen Sonne laufen. Nach Spina nochmals ein Anstieg, bevor es dann die nächsten 15km bis Filisur praktisch nur noch abwärts geht.

Super Ausblick bei der Kirche Monstein

Super Ausblick bei der Kirche Monstein

In Monstein gibt es dann erstmals Bouillon. Ich greife zu, damit ich den Salzverlust durchs Schwitzen ausgleichen kann. Bergab lasse ich es ordentlich laufen. Ich geniesse es, schnelle Kilometer abzuspulen. Ich habe das Gefühl, der K78 ist ein idealer Ultra für Einsteiger. Bis Bergün diszipliniert und nicht zu schnell laufen, danach zur Keschhütte hochkämpfen und dann einfach noch fertig machen. So meine Einschätzung bei Kilometer 18.

Beim Bahnhof Monstein demonstriere ich dann meinen Swissalpine-Greenhorn-Status. Wir kommen aus dem Wald runter zum Bahnhof und ich sehe, wie sich die Bahnschranke schliesst. Die Wartezeit will ich zum Verpflegen nutzen, wechsle deshalb in den Marschschritt und ziehe einen Gel aus der Brusttasche. Die anderen Läufer lassen sich durch die geschlossene Schranke nicht irritieren und laufen einfach über den geschlossenen Bahnübergang. Ich schaue dem Geschehen irritiert zu, vor allem da noch zwei Streckenposten beim Bahnübergang stehen. Bis ich bei der Schranke stehe, kommt bereits der Zug bremsend um die Kurve. Dann der Hammer: Ein Streckenposten stoppt den Zug mit Handzeichen, der andere schickt mich über die Geleise. Unglaublich. Hier haben die Läufer tatsächlich Vortritt vor der Bahn!

Tunnel in der Zügenschlucht

Tunnel in der Zügenschlucht

Dann geht es durch die Zügenschlucht nach Wiesen. Ich bin froh, dass wir immer noch im Schatten laufen und es deshalb temperaturmässig immer noch sehr angenehm ist. Da die Strecke bergab führt, komme ich auch ordentlich vorwärts. Der Einlauf in Wiesen dann ganz toll. Man läuft im Wald, hört bereits den Speaker und läuft dann aber ziemlich unvermittelt in die Leute, welche einem zujubeln. Kurz verpflegen und dann über das legendäre Wiesner-Viadukt. Einem Zug begegne ich zwar nicht auf dem Viadukt, es ist aber trotzdem spassig so hoch über die Schlucht zu laufen.

Wiesner Viadukt

Wiesner Viadukt

Die ersten 25km der Strecke habe ich nun in knapp 2.5 Stunden geschafft. Ich versuche zu rechnen: Ein Drittel der Strecke in rund einem Viertel meines Zeitbudgets. Wird das mit meinen 10 Stunden aufgehen? – In Bruchrechnen war ich noch nie besonders gut und deshalb schaffe ich es nicht, eine Hochrechung zu erstellen. Eine sehr hübsche K30-Läuferin überholt mich. Mit ihrer sehr stylishen Brille sieht sie auch noch wie eine Mathematikprofessorin aus. Sie ist aber zu schnell, dass ich ihr mein Bruchrechnenproblem erklären könnte. So bleibe ich im Ungewissen.

Der restliche Strecke bis Filisur geht dann easy bergab und ich laufe ein paar Minuten unter 3h in Filisur (30 km) ein. Ich fühle mich grossartig und habe Mitleid mit den K30-Läufern, welche hier schon aufhören müssen. – Wieder mal bewahrheitet sich die Ultra-Weisheit „Egal wie es dir gut oder schlecht geht, es wird sich ändern!“. Sobald ich am Talgrund die Albula überquert habe, sinkt meine Stimmung ins negative. Die Strecke führt nun ganz leicht aufwärts. Eigentlich sollte man hier laufen. Mein Körper und mein Kopf wollen aber marschieren. Ich schaffe es nicht, lange im Laufschritt zu bleiben und mache immer wieder Marschpausen. Während denen werde ich dann von anderen Läufern überholt. Die drei Kilometer bis Bellaluna sind für mich die psychisch schwierigsten des ganzen Rennens. – Nachher kommt endlich die richtige steile Steigung, wo wieder (fast) alle marschieren müssen. Und da bin ich wieder dabei und kann wieder Plätze gutmachen. Im Aufstieg spüre ich wieder meine Schienbeine, welche kurz vor dem krampfen sind. Viel Reserve habe ich nicht, es geht aber gut.

Mit Tempobolzen ist es jetzt natürlich vorbei. Ich komme aber trotzdem fast 15 Minuten vor meinem Plan in Bergün an. Ich hole meinen Dropbag und stecke die darin enthaltenen Gel’s in den Rucksack. Am Verpflegungsposten Wasser auffüllen und Bouillon trinken. Ein Stück Banane geht auch noch rein. Dann geht es weiter durchs Dorf Richtung Val Tuors.

Bergün – Keschhütte

Ab Bergün sind wir gemeinsam mit den K42-Läufern auf der Strecke. Der Start des K42 erfolgt um 11:00 Uhr. Da ich später nach Bergün komme, bin ich der Meinung hinter dem K42-Feld zu laufen. Der K42 macht aber zuerst eine Schlaufe um Bergün und so bin ich doch vor den K42-Läufern, als ich ins Val Tuors marschiere. Es kommt dann aber keine grosse Welle von hinten, sondern die schnelleren Läufer überholen mich bereits stark vereinzelt. Ich bin froh, dass der Weg eine gewisse Steigung hat, so dass ich guten Gewissens marschieren darf. Am rechten Fuss wird ein Schmerz zwischen Fussgelenk und Schienbein immer störender. Ich kann nicht richtig einordnen, woher dieser kommt.

Val Tuors

Val Tuors

Im Val Tuors fällt mir dann ein Unterschied zwischen Swissalpine und dem „Schwesterwettbewerb“ Irontrail auf. Beim Swissalpine sind wir hier auf der breiten Strasse unterwegs. Beim Irontrail führte die Strecke über Singletrails dem malerischen Bach entlang. Ich bin aber über die breite Strasse froh, werde ich doch dauernd von K42-Läufern überholt.

Der Schmerz am rechten Fuss wird immer mühsamer. Ich merke, wie ich mich verkrampfe und in eine Schonhaltung komme. Das ist nicht gut und ich muss etwas unternehmen. Beim nächsten Verpflegungsposten bei Tuors Davant schaue ich mir den Fuss mal genauer an. Ich hatte so ähnliche Beschwerden schon früher mal, wenn ich die Schuhe zu eng gebunden hatte oder mir die Lasche auf den Rist drückte. Damals habe ich mir die Lasche auf der Fussinnenseite jeweils weggeschnitten. Bei diesen Schuhen hatte ich diese Manipulation aber nicht gemacht. Ich versuche also die Lasche etwas anders zu platzieren und ziehe meine Socken hoch, welche ich aus ästhetischen Gründen runtergekrempelt hatte. Und siehe da, nachdem die Socke gestreckt ist und nicht mehr aufs Fussgelenk drückt, ist der Schmerz fast augenblicklich weg. Solch kleine Details können mächtig Ärger machen.

Mittlerweile bin ich 5 Stunden unterwegs und habe dabei ziemlich genau 45km zurückgelegt. Das heisst 50% Zeitbudget bei 60% absolvierter Strecke verbraucht. Hochrechnung zur Finisherzeit? – Auch Prozentrechnen klappt heute nicht. Wahrscheinlich funktioniert mein 450müM-Flachlandhirn, hier auf bald gegen 2’000müM nicht mehr so effizient.

Der Anstieg zur Keschhütte beginnt nach Chants richtig

Der Anstieg zur Keschhütte beginnt nach Chants richtig

Nach Chants werden die Wege dann schmaler und steiler. Zwischendurch wage ich einen Blick nach oben, ob ich die Hütte schon sehen kann. Der Puls ist konstant so bei 155. Das ist tiptop. Ich konzentriere mich meistens nur auf den Meter Trail, welcher vor mir liegt. Wenn möglich hänge ich mich hinter andere Läufer und lasse mich mitziehen. Ab und zu ein Blick auf den Höhenmesser. Die Keschhütte liegt auf 2’625müM. Für 100m Aufstieg brauche ich ca. 10 Minuten. So kann ich ausrechnen, wie lange ich bis zum Zwischenziel noch brauche.

Die Keschhütte kommt in Sicht

Die Keschhütte kommt in Sicht

 

Keschhütte

Keschhütte

Dann kommt die Hütte in Sicht. Noch 200 Höhenmeter. Noch 20 Minuten. Einfach weiter. Ein Hubschrauber fliegt an und setzt bei der Hütte zur Landung an. Hier oben schaut dir der Arzt in die Augen und kann dich aus dem Rennen nehmen und mit dem Heli ausfliegen lassen. Kosten zu Lasten des Teilnehmers, gemäss Reglement. Mir geht es gut und ich habe keine Sorgen wegen dem Arzt. Das Wetter ist immer noch perfekt. Hier oben weht ein leichter Wind, welcher angenehm kühlt. Körperlich geht es mir sehr gut, nur rechts an der Achillesferse zieht es etwas. Dass hatte ich aber bereits beim Eiger Ultra.

Praktisch auf die Minute in meinem Zeitplan bin ich nach 6:42h bei der Keschhütte. Ich trinke Bouillon und Isotee und ein Stück Banane liegt auch wieder drin. Zeit um die Landschaft zu geniessen, lasse ich mir nicht viel. Ich will weiter. Die Zeit läuft.

Keschhütte – Sertigpass – Sertig Dörfli

Der folgende Downhill ist ziemlich technisch und neben vielen Läufern hat es auch noch Wanderer und sogar Mountainbiker auf der Strecke. So ist es etwas mühsam, einen guten Rhythmus zu finden. Teilweise fühle ich mich gebremst, teilweise habe ich das Gefühl, ich stehe anderen im Weg. So macht das nicht so richtig Spass. Durchs Val dal Tschüvel geht dann der „Kolonnenverkehr“ weiter. Es hat immer noch schnellere Läufer hinter mir, die auf den engen Pfaden am vordrängen sind. Andererseits überhole ich langsamere Läufer, welche mit der dünnen Höhenluft oder den schmalen Trails kampfen. Auf jeden Fall kann ich leider hier die Landschaft nicht so geniessen, wie ich es letztes Jahr während dem Irontrail konnte. Diesen Abschnitt zwischen Sertigpass und Keschhütte fand ich damals wahnsinnig beeindruckend.

Ein toller Anblick bietet sich dann an der Stelle, wo das Val dal Tschüvel mit dem Val Sartio und dem Val Funtauna zusammenkommt. Vom Scalettapass kommen nämlich die S42-Läufer durchs Val Funtauna Richtung Sertigpass. Auch sie sind wie eine Perlenkette aufgereiht und beim Verpflegungsposten Sartiv vereinen sich die beiden Strecken. Dies war mir vorher nicht bewusst und zeigt wieder mal, welch grosse und vielfältige Veranstaltung der Swissalpine Marathon ist.

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Die Strecke führt zwischen zwei Bergseen durch und dann folgt nochmals ein 200m Anstieg hoch zum Sertigpass. Auch hier stehen nochmals Mediziner. Mir und soweit ich sehen kann auch den Läufern rund herum geht es gut und es gibt keinen Grund zur Sorge. Kurzer Halt an der Verpflegung. Auf Gels habe ich keine Lust und auf die Alpinbrötli mit Rosinen auch nicht. So bleibt es bei Flüssigkeitsaufnahme.

Dann noch die letzten paar Höhenmeter auf die Passhöhe bei 2’739müM bewältigen. Hier liegt sogar noch ein kleines Schneefeld. Ich bin nicht sicher, ob sie es extra für den Swissalpine gebaut haben, damit die Fotos etwas spektakulärer werden. Auf jeden Fall bin ich immer noch fast auf die Minute in meinem Zeitplan. Ein 10h-Finish ist in Reichweite.

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Sertigpass 2’739 müM

Der Downhill vom Sertigpass ist dann einfacher zu laufen. Anfangs zwar schon auch noch technisch, aber irgendwie flüssiger. Körperlich alles im grünen Bereich. Die Einlagen funktionieren wieder hervorragend und ich habe auch nach über 60km kein Fusssohlenbrennen. Irgendwann im Downhill dann ein Stechen an meinem grossen rechten Zeh. Muss eine Blase sein, welche wahrscheinlich gerade geplatzt ist. Etwas mühsam, aber kein Grund zum verlangsamen.

Downhill ins Sertigtal

Downhill ins Sertigtal

Wir kommen dann auf die Alpwege und es geht meistens bergab. Gute Voraussetzungen, um wieder Tempo zu machen. Ich kann gut laufen, allerdings vernachlässige ich wegen dem intensiven Tempo meine Verpflegung etwas. Sobald wir dann richtig im Sertigtal unten angekommen sind, hat es einige Zuschauer und Betreuer und wir werden entsprechend angefeuert.

Nach 8:42 laufe ich in Sertig Dörfli ein. Der Plan sah 8:45 vor. Wenn doch nur alle meine Pläne so gut funktionieren würden! Ich habe immer noch Angst vor Muskelkrämpfen und verpflege mich mit zwei Bechern Bouillon, Cola und einem Stück Banane. Irgendwie habe ich ein ähnliches Gefühl, wie auf dem Männlichen, beim Eiger Ultra. Das schlimmste ist geschafft und ich sollte nun auf der einfacheren Strecke vor mir nochmals Gas geben.

Sertig Dörfli – Davos

Ich versuche Silvia telefonisch zu erreichen und ihr die geschätzte Ankunftszeit zwischen 16:45 und 17:00 Uhr anzugeben. Leider ist ihr Telefon ausgeschaltet. Zwei Minuten später kommt eine sms von Schwiegervaters Handy. Der Akku von Silvias Handy ist tot und sie somit nicht erreichbar. Ich schreibe eine sms mit der Ankunftszeit. So sollte die Familie rechzeitig im Zielgelände sein.

Den Weg aus dem Sertigtal raus hatte ich mir recht simpel vorgestellt. 11km meist leicht bergab. Nochmals eine Gelegenheit zum bolzen. Es zeigt sich aber, dass die Strecke hier zwar sehr reizvoll, aber nicht superschnell ist. Dem Hang entlang durch den Wald schlängelt sich ein toller Trail. Aber nicht bergab sondern lange Zeit auf grundsätzlich selber Höhe, mit ständigem leichtem Auf und Ab. Mir fehlt die Energie um Gas zu geben. Zudem kommt ein übler Brechreiz auf. Jetzt weiss ich auch, wieso ich mich an den Männlichen erinnert fühlte.

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Ich bin genau 9 Stunden unterwegs und habe noch knapp 10km vor mir. Der erfolgreiche Finish ist kein Thema. Aber die 10 Stunden zu unterbieten steht jetzt definitiv auf der Kippe. Ich überlege mir, dem Brechreiz nachzugeben und mit leerem Magen weiter zu machen. Müsste eigentlich gut funktionieren. – Irgendwie muss das aber wirklich nicht in jedem Rennen geschehen. So beschliesse ich, halt einfach zu marschieren und sowohl körperlich wie auch mental etwas zu entspannen. Ich gehe davon aus, dass ich nach spätestens 15 Minuten wieder in der Lage sein müsste, zu rennen. Und dann hätte ich ja immer noch 45 Minuten Zeit, um den Sack zu zu machen.

Anderen Läufern scheint es ähnlich zu gehen. Auch sie machen Marschpausen. Vereinzelt sitzt einer am Streckenrand und macht ganz Pause. Eine Läuferin stürzt 50m hinter mir mit einem Schrei. Wahrscheinlich hat sie sich das Fussgelenk übertreten. Jeder ficht so seinen Kampf. – Nach 9:10h (16:10 Uhr) versuche ich es wieder mit joggen. Und tatsächlich, es funktioniert. Der Brechreiz ist weg und ich komme wieder besser vorwärts. Das Auf und Ab des Trails bleibt aber und ich habe zu wenig Energie, um die Aufwärtspassagen zu laufen. Das drückt aufs Tempo und das wiederum auf meine Stimmung.

Pulskurve

Pulskurve

Dann endlich geht es abwärts. Bei der Verpflegung Boden (Kilometer 69) trinke ich nochmals einen Becher Cola und fülle meine Wasserflasche. Ein Läufer liegt dort auf der Bahre und wird von einem Sanitäter betreut. Später kreuzen wir den Krankenwagen, welcher ihn wahrscheinlich abholt. Abwärts geht es gut, dann kommt aber nochmals ein kurzer Gegenanstieg nach Clavadel. Hier marschiere ich wieder. Es ist nun schon 16:35 Uhr und ich habe immer noch fast 5km vor mir.

Ich habe das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen. Den Finish unter 10 Stunden kann ich mir abschminken. Meine Familie wartet im Ziel und fragt sich, wo ich bleibe. wahrscheinlich brauche ich 10:20h oder so! – Mentale Krise nach über 70km! Wie gesagt, der Finish steht ausser Frage, nur die Zeit ist noch nicht klar. Und ich mache mir einen solchen Stress.

Schlussendlich sage ich mir, dass ich einfach mal laufe, bis die 10h durch sind und dann schaue, wo ich stehe. Mit diesem Mindset geht es dann auf einmal wieder besser. Die Erlösung kommt dann beim 2km-Schild. Es ist erst 16:51Uhr und ich kapiere, dass es zwar nicht unter 10h reicht, ich aber nur wenige Minuten darüber einlaufen werde. Alles im grünen Bereich. Ich schreibe eine kurze sms „2km“ an meine Frau und weiter gehts.

Endspurt

Endspurt

Dann das 1km-Schild. Ich stelle mir vor, dass ich zum ersten Mal mit unseren Jungs über die Ziellinie laufen kann. Ein super Erlebnis. Ich habe David und Remo seit Mittwoch nicht mehr gesehen und freue mich riesig auf das Wiedersehen. Ich komme zum Wald raus und runter nach Davos. Hier hat es wieder Zuschauer und es gibt Applaus. Ich denke an die Jungs. Ich spüre, wie ich von den Emotionen übermannt werde. Freudentränen schiessen mir in die Augen. So habe ich das noch nie erlebt.

Dann laufe ich über die Landwasser-Brücke und es kommt nochmals ein ca. 7m Anstieg zur Talstrasse hoch. Die Euphorie ist sofort weg und ich marschiere die paar Schritte hoch. Zum laufen fehlt mir die Energie. Dann noch ein paar hundert Meter die Talstrasse runter bis zum Sportzentrum. Ich suche den Strassenrand nach Silvia und den Jungs ab. Sie stehen kurz vor dem Eingang zum Stadion. Kurzer Kuss und die Jungs an die Hand nehmen. Dann auf der Laufbahn die letzte Kurve ins Ziel. Ich hake den  Swissalpine Marathon K78 erfolgreich in 10:03:46 ab!

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Nach dem Rennen

Mit Betreuung ist das natürlich eine super Sache. Ich hole mir ein alkoholfreies Bier. Die Jungs holen das Finisher-Shirt und Silvia holt das Duschzeug. In der Garderobe nehme ich den selben Platz, wie nach dem T201 letztes Jahr. Diesmal bleibt die Haut erfreulicherweise am Fuss, als ich die Socken ausziehe. Nach dem Duschen marschieren wir zum Bahnhof, wo ich die Kosten für das Anreise-Ticket zurück bekomme. Dann in die Pizzeria zum gemütlichen Nachtessen. Auf dem Weg dorthin sehen wir, dass ein Gewitter aufzieht. Als wir die Pizzeria nach 19:00 Uhr wieder verlassen, regnet es. Da werden einige Läufer nass ins Ziel kommen.

Ich gehe früh ins Bett schlafe diese Nacht wesentlich besser. Am Sonntag habe ich nur wenig Nachwehen. Ich habe etwas mehr Muskelkater als zum Beispiel nach dem Eiger Ultra. Das führe ich auf die schnellen 30km bis Filisur zurück. Ich hatte zwei kleine Blasen, welche keine Beschwerden machen. Was ich auch drei Tage später noch spüre, ist die rechte Achillesferse. Da muss ich wohl etwas unternehmen.

Fazit

Zum Glück habe ich die 10 Stunden-Marke verpasst! – So habe ich einen guten Grund, nochmals einen Versuch zu starten. Der K78 ist ein sehr unkompliziertes Rennen auf einer schönen Strecke. Alles ist professionell organisiert und man ist sehr gut betreut. Durch die vielen verschiedenen Distanzen finden Läufer aller Leistungs- und Erfahrungsklassen eine passende Startgelegenheit.

Mein Herz wird aber weiterhin für die „richtigen“ Ultra-Trails schlagen. So finde ich die Strecken des Irontrails wesentlich reizvoller. Mir gefallen Rennen mit wenig Teilnehmern und viel Abenteuer besser. Als nächstes steht nun der Ultra Trail Mont Blanc auf dem Programm (viel Abenteuer, viele Teilnehmer).

Aufstieg zur Keschhütte geschafft

Aufstieg zur Keschhütte geschafft

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9 Kommentare zu Swissalpine Marathon K78 2016 / Einen Klassiker abgehakt!

  1. Marion. Walter 5. August 2016 um 19:32 #

    Hoi Martin

    wir haben dein Bericht gelesen und du hast es SUPER gemacht, gratuliere.

    Liebe grüsse Walter u. Marion

  2. Marco Leuenberger 6. August 2016 um 11:26 #

    ciao martin, gratuliere zum finish und dem tollen bericht. der k78 war mein erster „ultra“ und ist wirklich ideal für den einstieg;-D
    hoffentlich bis bald einmal…
    gruss aus oensingen

    • Martin Hochuli 6. August 2016 um 22:29 #

      Hoi Marco
      Die „richtigen“ Ultra-Trails gefallen mir aber schon besser. Da ist einfach mehr Adventure drin.

      Ich bin sicher, dass wir uns wieder mal irgendwo treffen.

      Herzliche Grüsse
      Martin

  3. Peter T. 7. August 2016 um 20:13 #

    Hallo Martin
    Ja das liebe Sertigtal! Das können lange 15 km werden! 😉 Bin letztes Jahr als ersten Bergmarathon den k42 und dieses Jahr als ersten Ultra > 65 km den k78 gelaufen. Hatte keine Zeitvorstellung aber 15 km vor Davos merkte ich dass die 10h zu erreichen sind. Das motivierte mich und erreichte Davos in 09:54

    Habe auch deinen k201Bericht gelesen. Sehr interessant und spannend!

    • Martin Hochuli 8. August 2016 um 22:21 #

      Hallo Peter

      Danke für Dein Feedback. Ein Irontrail-Lauf lohnt sich auf jeden Fall mal. Die sind von der Charakteristik her etwas abenteuerlicher gelagert und machen viel Spass.

      Herzliche Grüsse
      Martin

  4. heinz Cesira 8. August 2016 um 9:32 #

    Hoi Martin,das muss ein Erlebnis gewesen sein! Gratulation! Waren Ortsabwesend sonst hätten wir dich gerne mit Silvia und Kindern am Ziel empfangen.

    • Martin Hochuli 8. August 2016 um 22:22 #

      Hallo Heinz

      Ja, schade dass es mit einem Treffen nicht geklappt hat. Wir kommen euch bei anderer Gelegenheit wieder mal besuchen.

      Liebe Grüsse
      Martin

  5. Wicki Pius 9. August 2016 um 21:40 #

    Sali Martin

    Gratuliere zum Finish, tolle Leistung wie immer und ausgezeichneter Laufbericht, auch wie immer. Wünsche weiterhin viel Pfuus für die laufende Saison.

    Gruss

    pius wicki

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