Run for Hope / Tag 7 / Saint-Paul-sur-Ubaye – Isola

Datum: Do, 19.09.2019
Route: Saint-Paul-sur-Ubaye – Jausiers – Col de Raspaillon – Isola
Brigitte’s Strecke: 69km
Anja’s Strecke: 43km
Anni’s Strecke: 33km
Martin’s Strecke: 25km
Chrige’s Strecke: 20km

Tagwache ist vor 5:00 Uhr. Heute morgen macht sich Brigitte alleine fürs laufen bereit. Andrea bekommt als Bike-Betreuerin auch wieder mal etwas Auslauf. Kurz nach 6:00 Uhr machen sich die beiden auf den Weg. – Wie gestern trinke ich noch einen Kaffee, als es Platz gegeben hat im Wohnmobil. Dann fahren Silvia und ich im Bus los nach Jausiers. Wir suchen einen Parkplatz für die Znünipause und den Staffelwechsel. Wir finden diesen bei der alten Mühle. Da die Zufahrt etwas tricky ist, wollen wir das Wohnmobil lotsen. Leider sieht uns Karin am Strassenrand nicht und prescht vorbei. Wir werden dann Zeugen ihrer Womo-Fahrkünste, indem wir von hinten zuschauen, wie sie passgenau durch die engsten Gassen manövriert.

Nächste Missionen für Silvia und mich ist das Beschaffen von Pain au Chocolat und anschliessend Brige und Andrea zum Parkplatz zu lotsen. Wir finden auf Anhieb eine Bäckerei in Jausiers und  warten anschliessend beim Dorfeingang auf die beiden.

Daily „Pain au Chocolat“

Ich marschiere dann noch ein paar Schritte entgegen und starte kurz nach 8:00 Uhr meine Uhr und somit meinen Arbeitstag als Begleit-Läufer. Einen Kilometer einlaufen bis zum Znüniplatz. Das Ziehen am linken Fussgelenk ist auch schon wieder da und ich bin froh, wird es heute vornehmlich aufwärts gehen.

Andrea und Brigitte sind gut vorwärts gekommen und haben sich bestens unterhalten. Die Stimmung ist gut und alle freuen sich, dass wir bei bestem Wetter den letzten hohen Pass (Col de Raspaillon 2’513m) in Angriff nehmen können. Für den Abend ist eine Störung angekündigt, bis dahin sollten wir aber bereits wieder in tieferen Lagen sein.

Beste Stimmung schon frühmorgens

Besonders ist heute auch, dass wir genau gleich wie über den Aletschgletscher, heute noch einmal zu fünft unterwegs sein werden. Chrige will sich die Wanderung durch das Vallon des Granges Communes nicht entgehen lassen. Wir werden dabei in den Mercantour-Nationalpark reinwandern und die Strecke verspricht schon alleine auf der Karte viel.

Gewisse Dinge wiederholen sich täglich

Um 8:30 Uhr machen wir uns auf die Socken. Das Mittagessen müssen wir uns mit 19 Kilometern und 1’300 Höhenmetern verdienen. Im Gegensatz zu anderen Aufstiegen, welche wir bereits bewältigt haben, ist das recht flach und deshalb schnell zu laufen. Unsere Bikerin Chrige wird etwas wider Willen heute zur Joggerin. Sie nimmt es aber mit Ironie und freut sich dann über die letzten 700 Meter „Steil-ist-Geil“-Terrain umso mehr.

Vorfreude vor dem letzten Pass

Die Aufgaben im Trupp verteilen sich von selber. Anja gibt die Pace vor, die drei Oberländer-Weiber sorgen für Unterhaltung, ich schaue ein wenig auf die Karte und geniesse vor allem die Landschaft!

Noch geniessen wir den Schatten

Die ersten 6 Kilometer steigt es mässig, bis wir ins Hochtal Vallon des Granges Communes kommen. Der Weg steigt zwar stetig, aber nur ganz leicht. Anja macht Tempo und wir anderen ziehen mit. Zwischendurch gibt es kurze Trink-, Foto- und Pinkelpausen. Und insbesondere das fotografieren lohnt sich.

Lac des Sagnes

Wir durchlaufen verschiedene Vegetationsstufen und irgendwie ist es auch heute wieder eine ganz andere Charakteristik, als das was wir auf der bisherigen Reise gesehen haben. Bis zum Lac des Sagnes treffen wir noch recht viele Camper an, welche mit Fahrzeugen hier hoch gefahren sind und frei campieren. Dann passieren wir die Grenze zum Mercantour-Nationalpark und hier sind Fahrzeuge, Bikes und Camping verboten. Entsprechend alleine sind wir wieder unterwegs.

Im Aufstieg zum Col de Raspaillon

Wir lassen die Waldgrenze hinter uns und marschieren auf über 2’000 Metern in einer grasigen Hügellandschaft. Wir sehen einige Murmeltiere und scheuchen dann auch noch 4 Gemsen auf.

Ich geniesse jeden Meter, denn mir ist bewusst, dass dies der Abschluss der spektakulären Hochtäler, Pässe und einsamen Landschaften für diese Reise ist. Einmal lasse ich mich weit zurückfallen, um etwas für alleine mich zu sein. Ich versuche mich zu an die verschiedenen Tage, Täler und Pässe dieses Trips zu erinnern. Mir wird bewusst, dass ich es momentan nicht zusammenbringe. Ich werde zu Hause die ganze Route beim Tagebuch schreiben nochmals mental absolvieren.

Vier Frauen im Mercantour-Nationalpark

Ich schliesse dann wieder zu den Frauen auf und bald sehen wir die Passhöhe und können wenig später auch Karin, Andrea und Silvia erkennen, welche uns von oben zuwinken. Quer über die Wiese und dann ein paar letzte Serpentinen hoch.

Nach 18 Kilometern kommt endlich der richtige Aufstieg für Chrige in Sicht

Verschiedene Gefühle vermischen sich auf diesen letzten Metern bei mir: Freude über den tollen Morgen mit den Mädels, Zufriedenheit über die geleisteten Kilometer der letzten Tage, Wehmut dass für mich die Sache nun praktisch gelaufen ist, Respekt vor der restlichen Strecke welche noch vor Brigitte liegt.

Die letzten Meter zum letzten Pass

The Eiger-Ultra-Trail-Team!

Um 11:50 Uhr stehen wir auf dem Col de Raspaillon. Punktlandung zum Mittagessen! Es ist recht zügig hier oben und wir ziehen rasch Jacken an und verziehen uns ins Womo. Nach der Ruhe des Vallon des Granges Communes ist hier sehr viel los. Auto und Motorradfahren fahren vorbei oder halten kurz an, um Fotos zu machen und fahren dann gleich wieder weiter. – Früher habe ich auch mit dem Töff Pässe gewetzt. Heute geniesse ich es, die Pässe zu Fuss zu bezwingen.

Ich hatte gehofft, von hier bereits das Meer sehen zu können. Der Horizont ist aber zu verstellt und die Wolken hängen tief und es sieht tatsächlich nach Regen aus.

Mittagessen im Camper. Draussen ist es zügig.

Die Pause und das Mittagessen tun gut. Gedanklich sind wir aber bereits auf der Weiterreise. Der Plan sieht wie folgt aus: Brigitte gemeinsam mit Anni weiter. Karin und Anni begleiten die beiden auf den Bikes. Chrige und Andrea suchen mit dem Womo einen Camping zum übernachten. Silvia und ich supporten mit dem Bus.

Wir stehen knapp 120 Kilometer vor und 2’500 Meter über Monaco. Die Strecke sieht überblickbar aus, hat es aber in sich. Sehr viele zwar schnelle, aber eintönige und belastende Asphaltkilometer. Das wird eine grosse Herausforderung für Körper und Geist. Brigitte ist sehr fokussiert und will die Sache möglichst rasch abschliessen. Die schwierigen Sachen liegen im Prinzip hinter uns, aber es ist trotzdem noch ein langer Weg und es kann viel passieren. Es braucht nochmals alle Entschlossenheit, aber auch Geduld.

Mittags-Massage auf 2’513 Meter

Während Chrige Brige’s Muskulatur wieder geschmeidig macht, fahren Silvia und ich schon mal los. Die geplante Route verlässt die Passstrasse nach dem Camp des Fourches (ehemaliger Militärstützpunkt) und führt durch ein Nebental auf Trails abwärts. Ich habe aber das Gefühl, Brigitte würde die Passstrasse bevorzugen und käme da auch schneller vorwärts.

Also erkunden wir die Lage, bevor die Läuferinnen ankommen. Vom Camp des Fourches jogge ich die paar hundert Meter zum Col des Fourches rüber und wage einen Blick ins Nebental. Wie erwartet: Super Landschaft und technische Trails. Aber zu mühsam für Brigitte.

Kaum zurück beim Camp des Fourches kommen die Läuferinnen und Begleiterinnen in Sicht. Ich laufe ein Stück entgegen, um die Lage diskutieren zu können. Es ist schnell klar: Brige will auf der Passstrasse bleiben. Anja hat aber keine Lust auf der Passstrasse zu laufen und Angst, dass sie wieder muskuläre Probleme bekommt. – So entwickelt sich die Idee, dass ich mit Anja durchs Nebental laufe und uns Silvia unten wieder aufpickt. Brigitte läuft also mit Velobegleitung auf der Strasse weiter.

Passstrasse für Brigitte, …

… wildes Tal für Anja und mich!

Ich briefe Silvia kurz wegen unseres Treffpunkts, dann nochmals Rucksack auf den Rücken, Uhr an und los! – Es fühlt sich anfangs etwas komisch an, dass wir von der „offiziellen“ Route abweichen und eine „Ego-Strecke“ laufen. Bald bin ich aber so von der Landschaft gefangen, dass ich dieses unerwartete Dessert einfach geniesse.

Wir sind wieder mal die einzigen im Tal und haben die Trails ganz für uns alleine. Ich geniesse es, mal nur mit Anja unterwegs zu sein. In unserer Standard-Gruppen-Formation läuft sie jeweils zuvorderst und ich zuhinterst. So können wir stundenlang gemeinsam unterwegs sein, ohne uns wirklich austauschen zu können. – Heute ist das anders und ich bekomme viel Inspiration von ihr. Anja ist körperlich sehr stark, läuft sehr sicher auf den technischen Abschnitten und hat einen super Instinkt für die Orientierung. Zudem hat sie eine immense Übersicht über die europaweiten Trail-Veranstaltungen.

Unsere Nebenstrecke ist zwar nur 5 Kilometer lang, bietet aber alles, was das Herz begehrt. Trail, Fels, Wiese, Wald, Flussbett, Schlucht, Murmeltiere und Gemsen.

Murmeltier mit Herbst-Speck

Um 14:20 Uhr verlassen wir das Tal mit einem grossen Grinsen im Gesicht. Silvia wartet bereits und wir steigen in den Bus und fahren talabwärts Richtung Saint-Étienne-De-Tinée. Unterwegs überholen wir Brigitte und ich bin erstaunt bzw. erfreut, wie weit sie schon gekommen ist.

Run, Forrest, run!

Saint-Étienne-De-Tinée war das Tagesziel für heute. Brigitte, Karin und Anni treffen aber schon vor 15:00 Uhr dort ein. So früh wollen wir nicht Feierabend machen und so werden genau die 13 Kilometer bis Isola drangehängt, welche uns gestern noch als zu viel erschienen sind.

Einlauf in Saint-Etienne

Ein letztes Mal Neuorganisation für heute: Andrea steigt aufs Velo und begleitet Brigitte, Anja und Anni. Mit dem Wohnmobil fahren Karin und Chrige und suchen in Isola einen Camping. Silvia und ich weiterhin im Bus als Support bei Bedarf.

Die Gruppe trennt sich und Silvia und ich suchen zuerst mal Strom um den PC zu laden und ein paar Mails zu beantworten. Ein Restaurant weist uns ab und wir haben dann im Tourismus-Büro mehr Glück. Inzwischen nimmt die Bewölkung zu und es fallen die ersten Regentropfen. Zum Glück ist der Regen nicht stark und die Strecke nicht mehr weit. Es bleibt festzuhalten, dass wir mit dem Wetter unglaubliches Glück hatten: Wir laufen schlussendlich 570km der Alpenkette entlang und haben während 8 Tagen nur 45 Minuten Regen. Das gibt es nicht so oft! (Wenn Engel reisen!)

Nach einer halben Stunde im „Internet-Café“, fahren auch Silvia und ich wieder los. Wir überholen die Läuferinnen, welche immer noch gut vorankommen. Bei Brigitte kommt nun wieder diese Entschlossenheit zum Vorschein, mit welcher sie vor einem Jahr auf der Via Alpina die letzten flachen Kilometer alleine nach Vaduz gelaufen ist. Es geht in den „Endspurt“. Anni weicht ihr dabei nicht von der Seite. – Es zeigt sich aber wieder, dass Anja schneller joggt als Brigitte. Für Andrea ist das schwierig zu supporten. Da die Route einfach der Strasse folgt, beschliessen wir, dass Anja alleine läuft und Andrea bei Brigitte und Anni bleibt. Silvia und ich werden zum Campingplatz fahren und dort Anja von der Strasse lotsen.

Endlich mal ein Regen-Bild …

 

… und noch eines!

Der Campingplatz in Isola ist wie so viele bereits geschlossen. Wir bekommen aber trotzdem einen Stellplatz und nach einigen Verhandlungen von Silvia mit einem kiffenden Dauermieter hier, haben wir auch Strom und offene Duschen mit warmem Wasser.

Ein paar Minuten nach Anja, treffen um 16:45 Uhr Brigitte und Anni ein. Brigitte hat heute 69km absolviert. Eine tolle Leistung für Tag 7! Anni bekommt den Übernamen „Die weisse Kenianerin“. Unsere Radrennfahrerin mausert sich zur Strassen-Läuferin und wichtigen moralischen Stütze für Brige in dieser Situation.

Tag vorbei, Regen vorbei! Feierabend um 16:45 Uhr.

Alle sind zufrieden, aber auch müde und froh, dass es nun in den „Endspurt“ geht. Wir wollen nach Monaco und nachher nach Hause! – Isola liegt 87 Kilometer vor und 875 Meter über Monaco. Ich überlege mir, dass Brigitte das morgen Freitag eigentlich fertig machen könnte. Wahrscheinlich haben das auch andere im Kopf. Bei Brigitte bin ich mir fast sicher, dass sie sich das vornimmt. Offen ausgesprochen wird es aber nicht. Morgen geht es einfach wieder wie gewohnt auf die Strecke und nachher schauen wir, wie sich der Tag entwickelt.

Grundkurs Küchendienst bei Andrea. Es war zum heulen!

Ich beteilige mich heute ein wenig am Küchendienst und mache mich beim Zwiebeln rüsten und im Abwasch nützlich. Dusche gibt es auch wieder mal für alle. Früh ins Bett kommen wir heute auch. Was soll da noch schiefgehen.

Tag 8: Isola – Monaco

 

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